von Philipp Schmerheim

Die Abenteuer der beliebtesten Gallier der Welt gehen in die nächste Generation: Der mittlerweile 86-jährige Albert Uderzo übergibt die Asterix-Reihe an Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Zeichnung), zwei Kreative aus der jüngeren Generation, die vor allem in Frankreich bekannt sind.

Offensichtlich unter strenger Beobachtung durch Uderzo, haben die beiden sich offenbar eng an dem Leitsatz Konrad Adenauers orientiert: Keine Experimente. Asterix bei den Pikten wirkt wie eine "Best of"-Sammlung gelungener, aber altbekannter Asterix-Momente in einem neuen Setting. Die Erzählung nutzt alles, was bisher gut funktioniert hat: ein nur subtil aufgefrischter Zeichenstil, Dialoge, die eifrig die bekannten und umso beliebteren Versatzstücke zitieren, Wortspiele, die haarscharf an der Platitüdengrenze vorbeischrammen (die schottischen Hofmusiker spielen "Rockmusik" - so genannt, weil die Herren Röcke tragen).

Das mag uninnovativ scheinen, aber: es funktioniert und ist sehr unterhaltsam. Mit dem konservativen Ansatz gelingt Ferri und Conrad nach Uderzos letzten, eher peinlichen, Bänden ein "Relaunch" der Asterix-Reihe, der Lust auf mehr macht. Doch worum geht es in Asterix bei den Pikten überhaupt?

Ferri, Jean-Yves (Text) und Conrad, Didier (Bild): Asterix bei den Pikten.
ehapa, Berlin 2013.
48 S., 6,50 €
ISBN 978-3770436354

Inhalt

Es ist Winter an der Küste von Aremorica - ein durchaus ungewohntes Wetter für die Einwohner des kleinen gallischen Dorfs, das nicht aufhört, den römischen Invasoren Widerstand zu leisten.  Während Majestix seinen Häuptlingsschild in eine Art Winterschlitten umfunktioniert und Methusalix grippekrank Fieberträumen hinterher hängt, unternehmen Asterix und Obelix einen Spaziergang am Strand, um das vom Meer angeschwemmte Treibgut zu begutachten. Viel interessanter als der x-te Römerhelm für Obelix' Privatsammlung ist allerdings, in Obelix' Worten, eine Eisscholle "groß wie ein Hinkelstein [...] mit jemandem drin, der mich anstarrt". Das eiszeitähnliche Atlantikwetter hat einen schockgefrosteten Besucher aus dem Norden an den Strand gespült - einen Pikten, wie der Dorfdruide Miraculix schnell anhand der runenartigen Tätowierungen des rothaarigen Muskelprotzes feststellt.

Die Dorfbewohner kümmern sich natürlich rührend um den Besucher, der am Kaminfeuer in Miraculix' Hütte schnell auftaut, und sie lassen sich auch nicht von einem römischen Volkszähler irritieren, der rein zufällig gerade im gallischen Dorf auftaucht und (natürlich größtenteils vergeblich) die Bevölkerung des Landstrichs statistisch erfassen will.

Leider kann der schottische Besucher seine sicherlich abenteuerliche Reisegeschichte nicht erzählen - denn anstelle von wohlgeformten antiken Sätzen entweichen nur popmusikalische Refrainzeilen wie "Obladi Oblada" oder "Oooohhappy day" seinem Mund - ein posttraumatisches Syndrom, das Miraculix fachkundig als "Borborygmen" identifiziert. Dem Gast gelingt es dennoch, seinen neuen Freunden zu zeigen, woher er kommt: er graviert auf Obelix' Hinkelsteinen den Lageplan seiner Heimat in den schottischen Highlands.

Es kommt wie es kommen muss: Asterix und Obelix schnappen sich das Boot von Verleihnix, um ihren Gast, der in der Zwischenzeit ungewollt allen gallischen Dorfdamen den Kopf verdreht hat, nachhause zu bringen. Als sie wie üblich ein Prügelstelldichein mit den bemitleidenswerten Piraten haben, findet auch der Pikte seine Stimme wieder: Mac Aphon ist der Name des Recken, und er wurde von seinem Widersacher Mac Aberh gefangengenommen, auf einen Baumstamm gekettet und dem Meer überlassen - und alles nur, damit Aberh Mac Aphons Verlobte Camilla heiraten kann, die als Tochter des verstorbenen Oberhäuptlings der Pikten seinen Machtansprüchen Legitimität verleihen würde.

Somit steht für Asterix und Obelix einiges auf dem Spiel: Sie müssen nicht nur einen Schiffbrüchigen zu seiner Familie zurückbringen, sondern ihn auch mit seiner Geliebten wiedervereinen und nebenbei einen erbitterten Machtkampf zwischen piktischen Clans schlichten. Im Laufe dieses Abenteuers machen die Gallier auch Bekanntschaft mit Fafnir, das gutmütige und verspielte Monster von Loch Ness, kennen - und Obelix lernt, dass man Baumstämme ebenso gut werfen kann wie Hinkelsteine und dass man nicht überall den Dorfbaden verprügeln darf. Und natürlich darf eine römische Kohorte nicht fehlen, die letztlich auch wieder Obelix' Rauflust zum Opfer fällt.

Kritik

Um Nachwuchszeichner handelt es sich bei den jeweils 54-jährigen Conrad und Ferri wahrlich nicht - jung genug sind sie dennoch, um auf Dauer eine eigene, frische Perspektive in eine der erfolgreichsten Comic-Reihen aller Zeiten zu bringen. Da trifft es sich gut, dass beide 1959 geboren sind - das Jahr, in dem erstmals "Asterix der Gallier" in der Jugendzeitschrift Pilote erschien.

Ferri und Conrad tun das, was vom Vorgänger handverlesene Nachfolger zu tun pflegen: Sie nähern sich erst einmal behutsam dem kulturellen Erbe, das Asterix nun einmal darstellt. Der Aufbau der Geschichte orientiert sich streng an den klassischen "Asterix-geht-auf-große-Fahrt"-Geschichten, inklusive Begegnungen mit den Piraten, Prügelstunden mit bemitleidenswerten Römern und seltsamen Reisebekanntschaften, diesmal in Form des zutraulichen und gutmütigen Monsters von Loch Ness namens Fafnir. (Der geneigte Asterix-Leser weiß nun übrigens, warum das Monster bis heute immer wieder kurz gesehen wird: weil es im See nach etwas sucht, das der kleine Gallier in das Wasser geworfen hat.)  Die Zeichnungen entsprechen in Stil, Dynamik und Farbgebung weitgehend demjenigen Uderzos; die Dialoge sind an strategisch günstig platzierten Stellen letztendlich Versatzstücke und Variationen der aus den früheren Comics bekannten Kabbeleien zwischen den Hauptfiguren: Wenn Asterix und Obelix sich streiten, schallt es gleichsam vor lauter "HÖRRR ÖÖÖSTERIX" und "HÖRRR ASTERIX" aus den Comicseiten heraus, Gutemine zieht ihren Häuptlingsehemann Majestix ob seiner überflüssigen Pfunde auf, Methusalix schwelgt in Jugenderinnerungen, aber immerhin: Automatix beschwert sich ausnahmsweise nicht darüber, dass die Fische von Verleihnix stinken. Doch, nun ja, wie Automatix selbst festhält: "FRISCH? Ist ja auch kein Kunststück bei dem Wetter."

Fazit

Asterix bei den Pikten erfindet den Asterix-Kosmos nicht neu - wer die alten Abenteuer kennt, wird an keiner Stelle wirklich überrascht werden. Aber das ist auch gar nicht das Ziel von Ferri und Conrad. In ihrem ersten Band tasten sie sich behutsam in die Welt von Asterix vor, indem sie erst einmal zeigen, dass Sie ihre Lehrmeister Uderzo und Goscinny äußerst solide imitieren können. Damit sprechen sie allerdings auch kaum neue Zielgruppen an - was offenbar auch nicht beabsichtigt ist, was sich an den Songs ersehen lässt, die die Pikten schmettern: "Ob La Di Ob La Da" von den Beatles, "Rock around the Clock" ("Rock rund um den Loch") von Jerry Lee Lewis oder "Stayin' Alive" von den Bee Gees dürften vorwiegend bei Lesern jenseits der 30 allseits bekannt sein.

Aber, ja, es macht Spaß, das 35. Abenteuer zu lesen, solange man seinen Leseeindruck nicht von überzogenen Innovationserwartungen trüben lässt. Es wird spannend sein zu sehen, ob und wie Ferri und Conrad das in diesem Band erarbeitete Vertrauen in ihre Fähigkeiten nutzen, um die altbekannte Asterix-Erzählwelt weiterentwickeln.

 

 

 


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