von Philipp Schmerheim

Literaturgeschichte(n) leiden grundsätzlich an dem Spannungsverhältnis zwischen schierem Umfang des Gegenstandsbereichs und der notwendigen Lückenhaftigkeit konkreter monographischer Projekte. Der Literaturwissenschaftler und -didaktiker Stefan Neuhaus versucht sich daran, einen Mittelweg zu beschreiten: In seinem Grundriss der Neueren deutschsprachigen Literaturgeschichte konzipiert er diese erstens als Geschichte der Freiheit und formuliert somit einen einheitlichen Blickwinkel auf die Literaturgeschichte, zweitens stellt er unter dieser Perspektive neuzeitliche literarische Epochen und Strömungen anhand von exemplarischen Werken vor – eine Strategie, die Neuhaus faktisch bereits in seinem "Märchen"-UTB angewandt hat.

Neuhaus, Stefan: Grundriss der Neueren deutschsprachigen Literaturgeschichte.
Francke, Tübingen 2017 (= utb; 4821).
420 Seiten. 26,99 €
ISBN 978-3825248215.

Inhalt

Das Resultat ist eine Monographie, die nach einer Einführung in die Freiheitsthematik diverse Epochen in Einzelkapiteln behandelt (wobei der Epochenbegriff selbst in Kap. 3.1 nur kurz reflektiert wird, bevor Neuhaus eine eher pragmatisch-konventionelle Einordnung vornimmt). Im Einführungskapitel konzipiert Neuhaus Literatur als "Medium der Freiheit" (S. 17) und argumentiert, dass sich der Freiheitsgedanke sowohl auf Handlungsebene wie auf der formalen Ebene literarischer Werke manifestiere (vgl. S. 1) – ein Gedanke, den er in den Einzelanalysen weiter ausführt, indem er faktisch zeigt, dass das experimentelle Spiel mit den Formen bzw. Konventionen des (literarischen) Erzählens eine eigene Form der Freiheitsausübung ist. Die Einzelkapitel bestehen jeweils aus einer sehr knappen Einführung, die auf max. zehn Seiten Grundzüge der Epoche(n) skizziert, sowie aus acht bis 13 Einzeldarstellungen, die zusammen ein Kaleidoskop der Namen, Titel und inhaltlich-formalen Tendenzen der jeweiligen Zeit vermitteln. So werden im Kapitel zu Klassik und Romantik Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung und sein Wilhelm Tell, Novalis' Heinrich von Ofterdingen, Kleists Penthesilea; Goethes Faust und drei Kurzgeschichten E.T.A. Hoffmanns besprochen; im Kapitel zur literarischen Moderne trifft man auf neben Thomas Mann und Kurt Pinthus auch auf Brecht, Kafka, Döblin, Kästner und Keun. Genuin kinder- und jugendliterarische Werke sind nur sporadisch vertreten: Michael Endes Jim Knopf, Erich Kästners Emil und die Detektive sowie Wolfgang Herrndorfs Tschick.

Kritik

Neuhaus bespricht die von ihm ausgewählten Titel mit dem Mut zur Lücke in Grundzügen, stellt aber zugleich regelmäßig zeithistorische Bezüge her und verknüpft das Schaffen der verschiedenen Autorinnen und Autoren miteinander. Dadurch entsteht auch auf diesem engen Raum ein kompaktes Bild der jeweiligen (literarischen) Zeit. Ein solches Projekt ist notwendigerweise lückenhaft, dennoch ist der Band eine wunderbare Ergänzung für die universitäre (und ggf. schulische) Lehre, stehen hier doch kompakte Skizzen einzelner Epochen neben klugen Betrachtungen einzelner Erzähltexte, die gleichsam exemplarisch für ihre jeweilige Zeit stehen. Damit ergänzt Neuhaus auch seinen eigenen, erstmals 2003 veröffentlichten, Grundriss der Literaturwissenschaft. Schön wäre es gewesen, den Einzeldarstellungen jeweils weiterführende Lektürehinweise anzuhängen.

Fazit

Für sich alleine bietet Neuhaus’ Grundriss natürlich keinen umfassenden Überblick über die Literaturgeschichte. Das will diese Monographie aber auch gar nicht, sondern über die Auseinandersetzung mit Einzelwerken einen Einstieg in verschiedene Literaturepochen bieten. Flankiert von umfassenderen Monographien wie etwa Wolfgang Beutins Deutsche Literaturgeschichte eignet sich der Neuhaus’sche Grundriss insofern ideal für den Einsatz in der universitären Lehre oder auch im Deutschunterricht der Sekundarstufe II.

 


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