von Philipp Schmerheim

Eines der ungewöhnlichsten Filmprojekte der Filmgeschichte: Richard Linklater erzählt in Boyhood vom Heranwachsen seines Protagonisten Mason, die Dreharbeiten erstreckten sich über einen Zeitraum von zwölf Jahren. Das Resultat ist ein Drama, in dem sich Fiktion und Authentizität in einer bislang nicht gekannten Weise vermischen.

Inhalt

Ab 2002 traf sich Linklater einmal im Jahr mit der Filmcrew, um weitere Abschnitte des damals noch "The Untitled Twelve Year Project" genannten Films zu drehen. Auf diese Weise erleben die Filmzuschauer wie im Zeitraffer, wie Hauptdarsteller Ellar Coltrane, gespiegelt durch seine Rolle als Mason, ganz real zu einem jungen Erwachsenen heranreift.

Der sechsjährige Mason (Ellar Coltrane) wächst zusammen mit seiner etwas älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater) in einer Kleinstadt in der Nähe von Houston, Texas auf. Seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) und sein Vater Mason Sr. (Ethan Hawke) haben sich vor kurzem getrennt. Während Olivia als alleinerziehende Mutter ihr Psychologie-Studium abbrechen muss, sucht Mason Sr. als Schiffsarbeiter in Alaska sein Glück und besucht seine Kinder nur noch sporadisch.

Schließlich zieht Olivia mit den Kindern nach Houston, um ihr Studium doch noch zu beenden. Die Kinder müssen ihre alten Freunde von einem Tag auf den anderen zurücklassen und werden nun teils von Olivias Mutter betreut. Auch Mason Sr. zieht schließlich nach Texas zurück und sieht die Kinder alle zwei Wochen.

Olivia beginnt eine Beziehung mit ihrem Professor Bill Welbrock (Marco Perella), den sie schließlich heiratet. Mit seinen zwei Kindern, die in ihrem Alter sind, freunden sich Mason und Samantha schnell an. Doch Bill entpuppt sich als gewalttätiger Alkoholiker, sodass Mason und seine Familie schon bald wieder umziehen und auf sich alleine gestellt sind.

Einige Jahre später hat Olivia ihr Studium abgeschlossen und unterrichtet selbst als College-Dozentin. Dort verliebt sie sich in ihren Studenten Jim (Brad Hawkins), den sie schließlich heiratet. Doch der ambitionierte Irak-Veteran kommt schon bald mit seinem eintönigen Job als Bewährungshelfer nicht klar und verliert sich im Alkohol. Die nächste Scheidung steht an.

Mason, inzwischen ein 15-jähriger Teenager, lernt Sheena (Zoe Graham) kennen und beginnt eine Beziehung mit ihr. Die Beziehung zerbricht zwar letztendlich, aber Mason entdeckt in der Zwischenzeit sein Talent als Fotograf. Nachdem er bei einem Fotografiewettbewerb ausgezeichnet wird, beginnt er ein Kunststudium. Für Olivia ist die Trennung von ihren beiden Kindern schwer, denn auch Samantha studiert mittlerweile in Austin, Texas.

Am College lernt Mason seinen rebellischen Mitbewohner Dalton kennen und freundet sich mit der hübschen Nicole an. Die beiden wandern durch den Big-Bend-Nationalpark, wo sie sich, Haschkekse essend, an einen Aussichtspunkt setzen und über das Leben philosophieren. Der Film ist zu Ende, doch das Leben des inzwischen 19 Jahre alten Mason als junger Erwachsener beginnt erst.

Kritik

Langzeitdokumentationen sind in der Filmgeschichte nicht unbekannt: So haben Barbara und Winfried Junge über einen Zeitraum von 46 Jahren in Die Kinder von Golzow (2007) das Leben von 18 Menschen begleitet, und auch Francois Truffaut hat über mehr als 20 Jahre hinweg in mehreren Filmen den Lebensweg seiner Figur Antoine Doinel zusammen mit seinem Darsteller Jean-Pierre Léaud filmisch aufbereitet. Doch die Konsequenz, mit der Linklater Jahr für Jahr die Entwicklung Masons nicht bloß filmisch umgesetzt, sondern gleichsam in Symbiose mit der Entwicklung seiner Hauptdarsteller angepasst hat und so der Kindheit unter dem Objektiv der Filmkamera Hommage zollt, ist einmalig.

Es ist faszinierend, wie Boyhood das Vergehen der Zeit und die Spuren, die sie im Leben von Menschen hinterlässt, offenlegt. Hier ist das Medium Kino ganz bei sich: Verfolgt man das Heranwachsen der Protagonisten der Harry Potter-Filme noch über einen Zeitraum von mehreren Jahren, und zwar im Rahmen von Filmen, die außergewöhnliche Ereignisse erzählen, erlebt man in Boyhood über 163 Minuten hinweg eine komplette, ganz normale Kindheit, die nicht wie die Potter-Heroen Daniel Radcliffe, Emma Watson oder Rupert Grint in das enge Korsett der Hollywood-Dramaturgie eingezwängt sind. Mason ist ohne die ständige Ablenkung durch böse Zauberer, intrigante Lehrer und durchgedrehte Fabelwesen mit all den Problemen beschäftigt, die aus familiären Dramen wie Scheidung, Patchworkstrukturen, Pubertät und erster Liebe erwachsen.

Till Kadritzke von critic.de beschreibt Linklaters Zeitkniff treffend: Während er in der Before-Reihe (Before Sunrise, Before Sunset, Before Midnight) ähnlich wie Truffaut seine Darsteller altern lässt, um verschiedene Filme mit ihnen zu drehen, altern in Boyhood die Figuren innerhalb des Films.

Für Kinder und Jugendliche ist Linklaters 163 Minuten langes Meisterwerk sicherlich zu langsam und vielleicht auch zu uninteressant: Zwar folgt die Filmkamera dem Spiel, das die Zeit mit ihren Figuren treibt, doch es ist die Perspektive eines Erwachsenen, der durch das Kameraobjektiv aufmerksam, aber auch mit einem gehörigen Schuss Nostalgie und Melancholie die Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens beobachtet.

Getragen wird der Film von seinem talentierten Hauptdarsteller Ellar Coltrane und von Linklaters Tochter Lorelei, die ihre Rolle als Samantha wunderbar zickig spielt. Ein gefundenes Fressen für Filmtheoretiker ist dabei der Kontrast zwischen den weitgehend unbekannten Hauptdarstellern und der prominenten Riege der Nebendarsteller, allen voran Linklaters Stammschauspieler Ethan Hawke und Patricia Arquette, die zumindest Filmliebhaber schon über einen langen Zeitraum begleitet haben. Während man bei Coltrane und Linklater tatsächlich Kinder beim Heranwachsen beobachtet, kann man mit Hawke und Arquette bekannten Filmschauspielern beim Älterwerden zusehen.

Wenig überraschend ist es, dass Boyhood mit dem Silbernen Bären bei der Berlinale 2014 ausgezeichnet und für fünf Oscars nominiert wurde. In den Kategorien bester Film, Regie, Schnitt, Originaldrehbuch und bester männlicher Nebendarsteller ging der Film zwar leer aus, aber Patricia Arquette erhielt die goldene Statue als beste Nebendarstellerin. Ein Blick auf die Produktionskosten zeigt auch – wieder einmal – dass die interessantesten Filme kein Blockbuster-Budget benötigen: Mit einem Budget von 4 Mio. US-$ spielte der Film weltweit knapp 50 Mio. US-$ ein.

Fazit

Boyhood ist ein bemerkenswertes Beispiel für eine Kindheit auf der Kinoleinwand, vor allem aber ist der Film ein einmaliges Filmexperiment. Richard Linklater, bereits zuvor ein anerkannter Regisseur, hat sich damit einen Platz im Pantheon der Filmgeschichte gesichert.

 

Titel: Boyhood
Originaltitel: Boyhood
Genre: Drama, Coming-of-Age
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2014
Dauer: 165 Minuten
Altersfreigabe: Ab 6 Jahren
Erscheinungsdatum (Deutschland): 05.06.2014
Verleih: Universal
Einspielergebnis weltweit: 50 Mio. US-$ (Stand: August 2015)
Regisseur: Richard Linklater
Drehbuch: Richard Linklater
Darsteller: Ellar Coltrane, Loreley Linklater, Patricia Arquette, Ethan Hawke
Kamera: Lee Daniel, Shane F. Kelly
Schnitt: Sandra Adair
Produzent: Sandra Adair, Richard Linklater, Vincent Palmo Jr., Cathleen Sutherland, Anne Walker-McBay

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