von Dr. René Kegelmann

Emil und die Detektive ist eines der frühen Beispiele für Medienverbünde in der Kinder- und Jugendliteratur. Der 1929 erschienene Kinderdetektivroman wurde bereits 1931 unter der Regie von Gerhard Lamprecht (Drehbuch: Billy Wilder) verfilmt. 1962 dann wird Emil und die Detektive unter der Regie von Gertrud Loos bei Deutsche Grammophon als Hörspiel adaptiert. Dieses erste Hörspiel von Emil und die Detektive, das es lange nur in alten Schallplattenaufnahmen gab, wird 2006 unverändert bei Oetinger neu aufgelegt und ist auch heute noch ein sehr interessantes Beispiel dafür, was dieses Genre auszeichnet.

Inhalt

Der zwölfjährige Emil Tischbein reist von Neustadt zu seiner Großmutter und seiner Cousine Pony Hütchen in die Metropole Berlin. Im Zug werden ihm von einem Dieb 140 Mark gestohlen, die er der Großmutter übergeben sollte. Da Emil keinen Vater mehr hat und seine Mutter als Friseurin hart arbeiten muss, wiegt der Diebstahl umso schwerer. In Berlin heften sich Emil und eine Gruppe von Kinderdetektiven an die Fersen des Diebes Grundeis. Bis Emil, Gustav mit der Hupe, der Professor, der kleine Dienstag, Krumbiegel und die anderen Jungen den Dieb mit dem Schnurrbart und dem steifen schwarzen Hut in einer Bankfiliale schließlich stellen und überführen, müssen sie einige Abenteuer bestehen. Am Ende werden sie für ihren Mut und ihre Beharrlichkeit belohnt.

Kritik

Das unter der Regie von Gertrud Loos 1962 produzierte Hörspiel orientiert sich in der Chronologie der Ereignisse eng an der 1929 erschienenen literarischen Vorlage von Erich Kästner. Das Hörspiel beginnt mit einer Dialogszene in Neustadt, wo Emil mit seiner Mutter die anstehende Reise des Jungen nach Berlin sowie die Übergabe von 140 Mark an seine Großmutter bespricht, bevor sie beide zum Bahnhof aufbrechen. Realistische Geräusche in der Wohnung (wie Tellerklappern) und danach am Bahnhof (Zugansagen, Quietschen der Bremsen eines einfahrenden Zuges, Stimmen) verdeutlichen die Räume, in denen die jeweiligen Szenen spielen. Dialoge werden teilweise wortwörtlich aus dem Buch übernommen. Eine hörspielspezifische Verdichtung führt aber an vielen Stellen dazu, dass Passagen gekürzt und manchmal auch ganz weggelassen werden. So konzentriert sich die Zugfahrt nach Berlin auf die beiden Protagonisten Emil Tischbein und den Dieb Grundeis, während Nebenfiguren wegfallen. An manchen Stellen werden Dialogszenen aus dem Buch auch in Erzählerpassagen zusammengefasst. Insgesamt wechselt das Hörspiel zwischen Dialogen und Erzählerpassagen ab und hat mehrere Spannungshöhepunkte. Der Handlung kann man auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage gut folgen.

Der Erzähler (Heinz Reincke) führt die Hörerinnen und Hörer souverän und vertrauenswürdig durch die äußere Handlung und gibt dadurch Orientierung. Er spricht meist in sonorer Tonlage, langsam und deutlich. Spezifisch ist aber über diese erzählende Funktion hinaus, dass er oftmals auch die Innenperspektive Emils einnimmt. Seine Stimme verändert sich je nach Empfindungslage von Emil und wird mal leiser, mal lauter, schneller, aufgeregter oder fragender. So nimmt beispielsweise die Stimmlage des Erzählers einen von Empörung getragenen und zupackenden Ton an, als Emil nach dem Diebstahl des Geldes im Zug am Bahnhof Zoologischer Garten den Dieb in der Menschenmenge erkennt und sich an seine Fersen heftet: "Dort, Dort! Das war der Kerl. Gott sei Dank! Das war der Grundeis. […] Warte nur, du Kanaille, […] dich kriegen wir!" (3/03:03).

Vor dem hier deutlich markierten Beginn der Verfolgungsjagd liegt die zentrale Passage im Zug von Neustadt nach Berlin, die zu guten Teilen aus szenischen Elementen mit entsprechenden Dialogen, Geräuschen und Musik besteht und einen ersten Spannungshöhepunkt enthält. Die Stimmen von Emil und Grundeis sind dabei gut getroffen. Während Emil zwischen Stolz über seine Fahrt nach Berlin und Angst und Faszination dem Fremden gegenüber schwankt, vermag es Grundeis durch eine variationsreiche Stimme, auf der einen Seite sehr freundlich zu wirken und durch geschickte Fragen dem Jungen Informationen zu entlocken. Andererseits wird durch sein abgründiges Lachen die Gefahr, die von ihm ausgeht, atmosphärisch dicht hör- und spürbar gemacht. Mit seinen Geschichten über das futuristische Berlin zieht Grundeis Emil zwar in seinen Bann, es wird aber gleichzeitig die abschreckende Wirkung der Figur auf Emil verdeutlicht. Passagen wie diese gewinnen durch die stimmlichen Qualitäten und die damit verbundenen atmosphärischen Elemente gegenüber dem Buch an Eindringlichkeit. Im Sinne einer Wellendramaturgie werden sie immer wieder durch die Erzählerstimme unterbrochen und temperiert, bevor die nächste Spielszene einsetzt.

Die auf die Begegnungsszene folgende Einschlaf- und Traumszene im Zug gehört zu den Höhepunkten des gesamten Hörspiels. Ihr geht die vom Erzähler aus Emils Perspektive geschilderte Gefühlslage voraus. Dem Jungen ist der ihm gegenübersitzende und später schlafende Grundeis nach den Gesprächen äußerst suspekt, weshalb er auf die Idee kommt, die Geldscheine in seiner Anzugsinnentasche mit einer Sicherheitsnadel festzustecken. Im Abteil kämpft er gegen die aufkommende Müdigkeit: "Er versuchte es mit Zählen: eins … zwei … drei … vier … aber die Fünf lief ihm weg … und die Sechs bekam plötzlich Hände und winkte ihm … Die Sieben gar streckte ihm die Zunge heraus. Und die Acht konnte er nicht finden…" (2/05:32). Emils Zustand zwischen Wachen und Schlafen wird neben den sprachlichen Elementen mit verschiedenen hörspielspezifischen Mitteln realisiert. Im Hintergrund signalisieren ein hoher und sich intensivierender Pfeifton sowie die sich beschleunigende Wiederholung der Zahl Acht das Abgleiten in eine andere Sphäre. Die Geräusche, unterlegt mit einer rhythmischen Musik, sind auch atmosphärisch an Zuggeräusche angelehnt, so das Pfeifen des Zuges, das Rattern der Räder, das Quietschen von Bremsen sowie das Öffnen und Zuschlagen von Türen in ab- und anschwellender Lautstärke. Emil gleitet zunehmend in einen Zustand des Schlafes, bei dem alle Grenzen verschwimmen. Sehr gelungen werden in dieser eindringlichen Passage Erzählerstimme und Zuggeräusche kombiniert, die schließlich im verzögerten Erwachen und dem jähen Bewusstsein Emils über den Diebstahl kulminiert. Noch einmal hört man das hohe, anschwellende Pfeifen und darauffolgend plötzliche Stille. Die nach einigen Sekunden einsetzende Erzählerstimme führt den Hörer wieder zurück in die Realität.

In Berlin lernt Emil Gustav mit der Hupe und die anderen Kinder kennen. Die Stimmen des Professors, des kleinen Dienstag, Krumbiegels sowie von Emils Cousine Pony Hütchen lassen sich gut unterscheiden, irritieren aber zum Teil durch zu große Altersunterschiede. So hat Krumbiegel die Stimme eines älteren Jugendlichen, während der kleine Dienstag noch außerordentlich kindlich wirkt. Abgrenzbar sind die Stimmen auch durch ihre dialektalen Färbungen. So sprechen zum Beispiel Gustav mit der Hupe und Pony Hütchen im Berliner Jargon (z.B. "Quatsch nicht, Krause", 5/04:05; "Ach du kriechst de Motten", 6/00:28; "Quatsch dir keene Fransen", 6/00:35), während sich der Professor im reinsten Hochdeutsch und sehr gewählt ausdrückt.

Die Verfolgungsjagd des Diebs wird nur kurz vom empathischen Erzähler berichtet bzw. entfällt ganz. Die Observation des Hotel Kreids, in dem der Dieb abgestiegen ist, und die Szene mit dem Liftboy, den sie für ihre Zwecke einspannen, wird weitgehend vom Erzähler berichtet und teilweise durch Dialogpassagen der Kinder ergänzt.

Das Hörspiel gewinnt immer dann an Intensität, wenn mit Geräuschen untermalte Spielszenen einsetzen. So wirkt die Szene sehr eindringlich, in der der kleine Dienstag in der Telefonzentrale vom Schlaf überwältigt wird und von "vier Millionen Telefongesprächen" (7/02:49) träumt. Die einmontierten Geräusche sind um das Motiv des Klingelns gruppiert, das in allen Variationen (Lautstärke, Länge, Tempo, Töne) vorgeführt wird. Das Erkennungszeichen der Kinder ("Parole Emil") wird zudem in teilweise verzerrter Form einmontiert.

Einen letzten Spannungshöhepunkt erreicht das Hörspiel in der Szene in der Commerz- und Privatbank, wo der Dieb gestellt und schließlich überführt wird. Durch die Kombination von Dialogen am Bankschalter sowie realistischen Geräuschen (Stimmengewirr, Hupe, Ohrfeige etc.) entsteht eine atmosphärisch sehr dichte Szene.

Fazit

Gerade solche atmosphärischen Elemente wie in der Bankszene (und vorher in der Bahnhofsszene in Neustadt, in der Zugszene mit Emil und Grundeis, in der Szene mit dem kleinen Dienstag etc.) sind es, die das Hörspiel spannend und auch für heutige Hörerinnen und Hörer noch hörenswert machen. Die dabei eingesetzten hörspielspezifischen Elemente kompensieren auch den Eindruck, dass man etlichen Stellen im Hörspiel anmerkt, dass sie aus den 60er Jahren stammen. Das betrifft zum einen Bezeichnungen wie die "grüne Minna" oder "Commerz- und Privatbank", die heutigen Kindern nicht mehr geläufig sein dürften. Zum anderen berührt es aber auch Rollenbilder, die im Hörspiel ungebrochen aus dem Roman von Kästner übernommen werden und so heute kaum mehr vermittelbar sind. So erscheint Pony Hütchen in ihren Aussagen im Hörspiel bisweilen recht altbacken, zum Beispiel wenn sie sagt: "Es ist halt doch was anderes, wenn ne Frau im Haus ist" oder "Das ist nichts für Mädchen". Während sie die Jungen mit Essen verpflegt, zieht sie sich, als die Verfolgung des Diebes ansteht, mit dem Satz zurück: "Ein anständiges Mädchen gehört in die Klappe". Ähnliches lässt sich auch über die Schlusspassagen des Hörspiels sagen, als die Kinderbande nach der Verhaftung von Grundeis in der Wohnung der Großmutter sitzt und der Wachtmeister, der von Emil als "Herr Wachtmeister" angesprochen wird, auftaucht. Auch die Frage der Großmutter "Was kann man nun aus der Geschichte lernen?" sowie der Abschluss mit "Parole Emil" wirken leicht angestaubt.

Man muss sich aber immer wieder vor Augen führen, dass solche Passagen der getreuen Übernahme aus dem Roman sowie der Entstehungszeit des Hörspiels 1962 geschuldet sind. Insofern ist es auch ein wichtiges Dokument seiner Zeit. Gerade in der Aufwertung von Geräuschen und Tönen und damit verbundener atmosphärischer Dichte liegt das spezifische Potenzial dieses Hörspiels, dem auch heutige Hörer noch viel abgewinnen können.

Der Verlag gibt auf dem CD-Cover eine Altersempfehlung ab 6 Jahren. Das erscheint aber aufgrund der teilweise deutlich älteren Stimmen im Hörspiel und der anspruchsvollen Dramaturgie als zu früh. Empfehlenswert ist viel eher ein Alter ab etwa 8 Jahren.

 

Titel: Emil und die Detektive
Autor: Erich Kästner
Bearbeitung/Regie: Gertrud Loos
Produktionsjahr: 1962
Dauer: 51 Minuten
Altersempfehlung: Ab 8 Jahren
Sprecher_innen: Heinz Reincke, Charlotte Schellenberg, Helmut Peine, Manfred Steffen, Erna Nitter, Friedrich Schütter und viele Kinder
Produktion: Oetinger Audio [Deutsche Grammophon]

 

 Erstveröffentlichung: 17.02.2018


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