[01.03.2020]

rezensiert von Philipp Schmerheim

Mit Das Kino des Lebens legt der taiwanesische Bilderbuchkünstler Jimmy Liao eine Liebeserklärung an das wohl wichtigste Massenmedium des 20. Jahrhunderts vor.

Jimmy Liao: Das Kino des Lebens.
Aus dem Chinesischen von Marc Hermann.
Chinabooks, Uitikon-Walddegg 2018.
168 Seiten. 27,90 €
ISBN 978-3-9058-1685-3.
Empfohlen ab 12 Jahren.

Inhalt

Eine Frau erzählt von ihrem Leben mit und im Kino. Als Kind nimmt ihr Vater sie nach dem frühen Verlust der Mutter oft mit ins Kino, das für sie bis ins hohe Erwachsenenalter hinein zu einem Zufluchtsort wird. Das Kino fängt ihre Sehnsucht nach der unbekannten Mutter auf, lindert ihre Ängste und Sorgen, wird aber auch zu einem Ort, an dem sie Glücksmomente erlebt, Freundschaften pflegt und die Männer ihres Lebens kennenlernt. Einen jungen, aufstrebenden Filmemacher heiratet sie und verlebt mit ihm glückliche Jahre, bevor er sie verlässt – ohne zu wissen, dass sie bereits schwanger von ihm ist. Auch mit ihrer kleinen Tochter verlebt sie die Jahre im Kino, ebenso wie mit ihrem mittlerweile alt gewordenen Vater. Und wie das Kino ein konstanter Lebensbegleiter für sie ist, ist es auch die Sehnsucht nach der Mutter.

Kritik

"Ich kann mir nicht vorstellen, in einer Welt ohne Filme zu leben." (o.S.) Dieses Motto eröffnet Jimmy Liaos graphisch erzählte Liebeserklärung an das Kino. Der taiwanesische Bilderbuchkünstler lässt in Das Kino des Lebens eine Frauenfigur als alter ego auftreten – doch es ist klar, dass sich die Erzählung (auch) aus Liaos eigenen Kinomomenten speist.

Narratoästhetisch setzt Das Kino des Lebens konsequent auf allen Ebenen das Kinomotiv um: Ein Großteil der Handlung spielt sich in Kinosälen ab, die auftretenden Figuren sind allesamt in irgendeiner Form dem Kino verbunden. Auch peritextuell hat das Kino seinen Auftritt, folgt die Gestaltung des Bilderbuchs doch der Dramaturgie eines Kinobesuchs: Die Titelseite eröffnet mit einem Vorhang, der eine schwarze Leinwand mit weißen Titelschriftzügen rahmt, die Geschichte. Deren Bilder spielen nahezu alle Varianten kinematischer Rahmung durch. So erstrecken die Zeichnungen sich vertikal über Doppelseiten, spielen mit Vorder- und Hintergründen, eröffnen darüber weitere Rahmungen und – buchstäblich – Rahmen: Bilderrahmen, Poster, Fenster, herzförmige Gucklöcher, die zeichnerisch den Blick auf weitere Räume freigeben. Auch die streng horizontale Tarierung der Bilder verweist beständig auf die Leinwand und die Rezeptionssituation im Kinosaal – wobei Liao hier geradezu spielerisch mal den Blick des Publikums auf die Leinwand, mal den Blick der Leinwand auf ihr Publikum inszeniert.

Erzählt wird Das Kino des Lebens im Schrifttext – aus dem Chinesischen übersetzt von Marc Hermann – von der namenlosen Hauptfigur, die auf ihr Leben zurückblickt. Dieses wird in einer chronologischen Abfolge von Rückblenden im Bildtext wiedergegeben. Liao gelingt dabei ein bemerkenswerter Balance-Akt: Diese Erzählung von Liebe und Sehnsucht ist nicht nur ein ästhetischer Genuss, sondern berührt auch emotional, denn sie erzählt von dem Wunsch, in der Traumwelt des Kinos wenigstens eine Spur, buchstäblich einen Dufthauch der Menschen, die man vermisst, zu erhaschen.

Liaos Werke werden als Bilderbücher für Erwachsene beschrieben, doch er erzählt in Das Kino des Lebens wie auch in anderen Büchern, etwa Sternennacht, universell von den Herausforderungen der Kindheit und des Erwachsenwerdens – nur eben aus der Perspektive des auf das Leben zurückblickenden Erwachsenen. Seine Karriere als Bilderbuchkünstler begann der ursprünglich in der taiwanesischen Werbebranche arbeitende Liao erst im Alter von 40 Jahren, als er mit den Geschichten Die Geheimnisse der Wälder und Der lächelnde Fisch 1998 seine schwere Leukämie-Erkrankung verarbeitete. Seit dem Überraschungserfolg dieser Werke veröffentlicht er jedes Jahr mindestens ein neues Buch, von denen einige auch ins Deutsche übersetzt wurden, etwa Der blaue Stein und Der Klang der Farben. Er wurde mehrmals für den Astrid Lindgren Memorial Award nominiert, seine Geschichten als Film oder Musical adaptiert.

Fazit

Liaos Das Kino des Lebens ist eine wunderschöne Hommage nicht nur an das Kino, sondern an das Leben als solches. Erwachsene werden ohnehin Gefallen an dem Buch finden, aber auch Jugendliche ab zwölf Jahren können einen Blick hinein wagen.


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