von Mathias Cuypers

Nicht-realistische literarisches Genre, das Stoffe und Motive von Mythen, Sagen und Märchen aufgreift und verarbeitet, zumeist in Form eines Romans. Insbesondere bei Jugendlichen ist dieses Genre sehr beliebt.

Explikat

Die Popularität des Genres geht maßgeblich auf John Ronald Reuel Tolkiens Romantrilogie Der Herr der Ringe zurück, die in den 1950er Jahren veröffentlicht wurde und ab den 1960er Jahren insbesondere in US-amerikanischen Studentenkreisen große Erfolge feierte. Die 1960er Jahre bilden zugleich den Startpunkt für das Genre Fantasy, das seine Wurzeln in der fantastischen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts hat. Erste Vorläufer der Gattung finden sich schon ab dem Ende des 19. Jahrhunderts, können jedoch mangels einer größeren Verbreitung bei der Festsetzung eines Startpunkts vernachlässigt werden. (Alpers 1982, S. 412f.)

Tolkien kreierte für die Romanreihe und weitere Publikationen eine komplexe, detaillierte imaginäre Welt mit dem Namen Mittelerde. Er bediente sich dabei der Mythologie und integrierte mythologische Geschöpfe, wie Elfen (bzw. Elben) und Zwerge. Zudem sind insbesondere Namen und Begriffe der Mythologie entlehnt, aber auch bestimmte Artefakte haben konkrete Gegenstücke in der Mythologie. Die der Mythologie entnommen Aspekte erweiterte Tolkien um eine Historie, die er den verschiedenen Völkern gab, sowie eine eigene Topografie und Vegetation für Mittelerde. In der Handlung setzt Tolkien auf eine etwa schon aus Märchen bekannte Struktur, indem er dem Protagonisten Frodo eine böse Macht gegenüber stellt, die er im Handlungsverlauf überwinden muss. Hilfe erhält er durch bestimmte magischen und nicht-magischen Artefakte sowie durch einige Freunde und Gefährten, die ihn unterstützen.

Im Hinblick auf den heutigen Markt an Fantasy-Literatur lässt sich festhalten, dass die deutliche Mehrheit der Autoren noch immer auf Strukturen baut, die Tolkien mit seinen Werken festlegte. Die Bedeutung von Tolkiens Werk für die Fantasy-Literatur wird daher oft als konstituierend beschrieben. Und so können auch die Eigenschaften von Tolkiens Werk in allgemeiner Form durchaus schon einen Einblick in die zentralen Eigenschaften von Fantasy-Literatur geben.

1981 hat Helmut W. Pesch in seiner Dissertation Fantasy. Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung die drei wichtigsten, sich daraus ergebenen Eigenschaften der Gattung festgehalten: Im Handlungsmittelpunkt von Fantasy-Literatur stehe demnach, erstens ein zumeinst kriegerischer Held, der gegen ein Ungeheuer ankämpfen muss. (Pesch 1981, S. 33f.) 

Als zweite inhaltliche Eigenschaft nennt Pesch das "Element der imaginären Welt". Was einige Theoretiker als konstitutiv für das Genre beschreiben, wertet Pesch lediglich als Eigenschaft, um den Kreis der Fantasy-Literatur einzuengen. Fantasy-Welten sind demzufolge isoliert und somit ahistorisch. (Pesch 1981, S. 35ff.)

Als drittes und letztes Element nennt Pesch das "Element des magischen Bewusstseins". Hierunter versteht er nicht nur die Existenz von Magie und deren Akzeptanz als etwas Natürliches, sondern auch eine Zivilisation, die auf einem "prä-technologischem" Stand ist. In einer Vielzahl der Fantasy-Romanen fällt hier eine deutliche Verbindung zum europäischen Mittelalter auf. (Pesch 1981, S. 39 ff.)

Mit der steigenden Beliebtheit des Fantasy-Genres in den 1960er- und 1970er-Jahren stieg auch der Anteil an Populärliteratur auf dem Fantasy-Markt. Beispiele in Deutschland, wo die Entwicklung jedoch etwas später begann als in den englischsprachigen Ländern, sind hierfür Bücher Wolfgang Hohlbeins, wie z.B. sein Debütroman Märchenmond (1983) oder Bernhard Hennens Werke.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erlebte das Fantasy-Genre durch das Erscheinen der sieben Harry Potter-Bände (1997-2007), deren filmische Adaptionen (2001-2011) sowie die Adaptionen der Herr der Ringe-Trilogie (2001-2003) einen neuen Aufschwung, infolgedessen auch die Fantasy-Literatur im Allgemeinen Zuwachs erhielt.

Die Harry Potter-Reihe, aber auch die vier Bände von Twilight, die beide gemeinhin unter Fantasy kategorisiert werden, erneuern dabei den bekannten Fantasybegriff, indem sie bekannte Elemente des Genres (Magie z.B. in Harry Potter oder mythische Gestalten wie Vampir und Werwolf in Twilight) mit einer Öffnung der imaginierten Welt verbinden: Beide Romanreihen sind nicht ahistorisch, sondern haben einen klaren Bezug zur Jetztzeit und können so eine stärkere Bindung zu den jugendlichen Lesen aufbauen.

Dass trotz dieser starken Unterschiede weiterhin der Begriff Fantasy verwendet wird, ist auf die unsaubere Begriffsdefinition zurückzuführen. So ist der englischsprachige Begriff Fantasy keinesfalls mit dem deutschen Begriff Fantasy gleichzusetzen, sondern bezeichnet das, was in Deutschland  unter Fantastik verstanden wird. Die englischen Begrifflichkeiten fächern die Oberkategorie Fantasy in eine Vielzahl an Unterkategorien zur differenzierteren Bestimmung auf. Die englische High Fantasy entspricht der deutschen Fantasy.

In Deutschland wird Fantasy häufig als Untergenre der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur aufgefasst. Nach Maria Nikolajeva ist diese durch die Existenz einer Sekundärwelt gekennzeichnet, die zur Alltagswelt der Protagonisten in unterschiedlichen Beziehungen stehen kann: beide Realitätsebenen können in Kontakt zueinander stehen und gleichermaßen im Text präsent sein (offenes Modell), sie können unabhängig voneinander existieren und in der Regel keinen Kontakt haben (geschlossenes Modell) oder die Sekundärwelt kann in die Primärwelt einbrechen (implizites Modell). Nikolajeva zählt auch die Darstellung einer geschlossenen Sekundärwelt ohne eine an die Alltagswelt der Leserinnen und Leser angelehnte Primärwelt zur fantastischen Kinder- und Jugendliteratur. (Nikolajeva 1988) Diese Form ist in der Regel Grundlage für die Definitionen des Untergenres Fantasy.

Hans-Heino Ewers hingegen sieht "[a]uf deutschsprachiger Seite [...] die bisherigen Versuche, eine umfassend gültige Gattungsdefinition von Phantastik zu liefern, als gescheitert [...]" an (Ewers 2011, S. 6). Damit wird natürlich auch die Definition der Fantasy als Subgenre der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur fragwürdig. Er plädiert für einen inhaltlichen Zugang und schlägt eine Definition der Fantasy als "romanhafte Parodie des vormodernen Heldenepos" (Ewers 2011, S. 7) vor.

Beispiele

Vorläufer der Fantasy-Literatur bilden Alice im Wunderland (Lewis Carroll, 1865) und Die Zauberin jenseits der Welt (William Morris, 1892), aber auch Gullivers Reisen (Jonathan Smith, 1726), das erste Strukturen der Fantasy-Literatur aufweist. Die Geschichte der modernen Fantasy-Literatur beginnt mit der Romantrilogie Der Herr der Ringe (J.R.R. Tolkien, 1954/1955) und seinem Vorläufer Der kleine Hobbit (J.R.R. Tolkien, 1937). Aus dieser Zeit stammt zudem die bekannte Roman-Heptalogie Die Chroniken von Narnia (Clive Staples Lewis, 1950-1956). Neuere Klassiker des Fantasy-Genres im deutschen Sprachraum sind Die Unendliche Geschichte von Michael Ende (1979), im englischen Sprachraum sind insbesondere die Harry Potter- und die Twilight-Reihe bekannt.


 Literatur

  • Biesterfeld, Wolfgang: Utopie, Science Fiction, Phantastik, Fantasy und phantastische Kinder- und Jugendliteratur. Vorschläge zur Definition. In: Literarische und didaktische Aspekte der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Günter Lange und Wilhelm Steffens. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1993.
  • Ewers, Hans-Heino: Fantasy – Heldendichtung unserer Zeit: Versuch einer Gattungsdifferenzierung. In: Zeitschrift für Fantastikforschung (2011) H. 1. S. 5-23.
  • Ewers, Hans-Heino: Überlegungen zur Poetik der Fantasy. In: Perspektiven der Kinder- und Jugendmedienforschung. Hrsg. von Ingrid Tomkowiak. Zürich: Chronos, 2011. S. 151-172.
  • Frings, Stephan: Alte Götter, neue Welten. Religion und Magie in der deutschsprachigen Fantasy-Literatur. Wetzlar: Phantastische Bibliothek, 2010.
  • Nikolajeva, Maria: The Magic Code. The Use of Magic, Patterns in Fantasy for Children. Stockholm: Almquist & Wiksell, 1988.
  • Pesch, Helmut W.: Fantasy. Theorie und Geschichte einer literarischen Gattung. Köln: o.V., 1982.
  • Petzold, Dieter: Tolkiens Kosmos. In: J.R.R. Tolkien. Der Mythenschöpfer. Meitingen: Corian, 1984.
  • Reclams Science Fiction Führer. Hrsg. von H. J. Alpers, W. Fuchs und R. M. Hahn. Stuttgart: Reclam, 1982.
  • Tschirner, Susanne: Der Fantasy-Bildungsroman. Studien zur phantastischen Literatur. Meitingen: Corian, 1989.

Erstveröffentlichung: 01.05.2012

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