Die österreichische Illustratorin Felicitas Kuhn (*3.1.1926) ist bekannt für ihre Illustrationen von Märchen, Kinderliedern und Reimen. Neben den von ihr bebilderten Kinder- und Bilderbüchern, die in ca. 15 Ländern erschienen, hat sie viele Spiele (hauptsächlich Kartenspiele) gestaltet. Sie hat an der "Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt" in Wien studiert und ihre ersten Illustrationen 1948-1956 für die Zeitschrift Die Wunderwelt geschaffen. Heute lebt sie in Baden bei Wien.
Das folgende Gespräch zwischen Anna Zamolska und Felicitas Kuhn wurde als Briefinterview geführt.

Abb.1: Felicitas Kuhn (Foto von Familie Kuhn übermittelt)

Anna Zamolska: Ihre Illustrationen sind Abbilder einer glücklichen Kindheit. Haben Sie auch eine solche genossen? Wurden Sie bereits als Kind von bestimmten Bildern anderer Künstler geprägt? Welche waren Ihre Lieblingsbücher?

Felicitas Kuhn: Ich hatte eine glückliche Kindheit, obwohl mein Vater verstarb, als ich 4 Jahre alt war, und ich in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Ich erinnere mich, dass ich mich nie langweilte, ich gerne las und Bilder anschaute. Zu meinen Lieblingsbüchern zählten die von Ernst Kutzer illustrierten Kinderbücher, unter anderem Das lustige Puppenbuch von Josephine Siebe, Hans Wundersam von Adolf Holst und viele weitere. Ludwig Richter liebte ich auch, besonders seine illustrierten Grimm Märchen. Später natürlich Arthur Rackham, beispielsweise Undine und andere.

A.Z.: Wann haben Sie angefangen zu zeichnen und ab wann wussten Sie, dass Sie Künstlerin werden wollen?

F.K.: Ich zeichnete eigentlich ununterbrochen, ich glaube seit meinem 8. oder 9. Lebensjahr, ich wollte nichts anderes.

A.Z.: Wie war Ihr künstlerischer Werdegang? Bekannt ist nur, dass Sie an der "Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt" in Wien studiert und danach Illustrationen für die "Wunderwelt" beigesteuert haben – dies habe ich dem "Lexikon der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur" entnommen. [1]

F.K.: Mit 14 Jahren kam ich an die "Graphische" in Wien, die ich mit Unterbrechung durch Krieg und Bomben 1947 abschloss. Dann, wie bekannt, Mitarbeit an der Kinderzeitung "Die Wunderwelt" (vgl. Abb. 2), langsam Kontakt zu deutschen Kinderbuchverlagen.

Abb. 2: Die Wunderwelt 1952, Heft Nr. 4. Foto: Anna Zamolska

A.Z.: Gibt es denn noch Zeichnungen aus Ihrer frühen Phase, zwischen Ihrem 8. und 14. Lebensjahr?

F.K.: Nein, aus dieser Phase habe ich leider keine Zeichnungen mehr.

A.Z.: Gab es in Ihrem Leben bestimmte Phasen? Haben Sie sich zunächst als alleinstehende Künstlerin etabliert oder von Anfang an Ihren Beruf mit Ihrem Familienleben in Einklang bringen können?

F.K.: Nach Abschluss der Graphischen (vgl. Abb. 3) habe ich stets daheim gezeichnet. Auch nach meiner Hochzeit (1950) und der Geburt meines Sohnes (1954) habe ich stets daheim gearbeitet. Ich konnte meinen Beruf mit meinem Familienleben gut in Einklang bringen. Nach meiner Pensionierung habe ich keine Märchen mehr gezeichnet; ich habe rund 100 Rosenaquarelle von Rosen aus dem Badener Rosarium angefertigt.

Abb. 3: Die "Graphische" in Wien. Foto: Anna Zamolska

A.Z.: Haben Sie Vorbilder? Welche anderen Künstler bewundern Sie besonders und warum?

F.K.: Als Vorbilder bewunderte ich lange Zeit die Romantiker, z. B. Moritz von Schwind, als stimmungsvolle Umgebung für Märchenszenen. Gesichtsausdruck und Haltung der Figuren ergeben sich ja von selbst.
Für Bildkomposition und Farben war mir Gustav Klimt ein Vorbild, auch die Künstler der Wiener Werkstätte, z. B. Carl Otto Czeschka. Als noch lebenden Künstler bewundere ich Arik Brauer. Als Gegenwarts-Illustrator schätze ich Janusz Grabiański.

A.Z.: Wie hat sich Ihr Illustrationsstil entwickelt und verändert?

F.K.: Der Zeichenstil verändert sich im Laufe der Jahre ganz von selbst, man versucht, den jeweiligen Ausdruck in einem Kindergesicht wiederzugeben, was mir manchmal glaube ich ganz gut gelungen ist, und vielleicht ein Echo bei den kleinen Betrachtern hervorruft.

A.Z.: Ich habe in meiner Rezension (von einer Neuauflage Ihrer Bilder zu den Grimm-Märchen) herausgestellt, dass Sie einen unverwechselbaren Stil entwickelt haben – vor allem Ihr Kindergesicht mit den lachenden halbmondförmigen Augen ist zu Ihrem Markenzeichen geworden. Auf dem Cover des jüngsten Nachdrucks Ihrer Märchenillustrationen lässt sich dies besonders gut nachvollziehen. (Siehe Abb. 4) Gibt es andere tiefgreifende Unterschiede zwischen Ihren frühesten und Ihren jüngsten Zeichnungen?

F.K.: Die einprägsamen Kindergesichter wurden zu meinem auffälligsten "Markenzeichen". Im Übrigen wurden die Füße der Kinder immer kleiner und die Köpfe der Kinder immer größer.

Abb. 4: Jüngste Neuauflage: Gute-Nacht-Geschichten mit Illustrationen von Felicitas Kuhn

A.Z.: Welche Bücher illustrieren Sie besonders gern?

F.K.: Am liebsten illustrierte ich stets Grimm-Märchen. Sie sind eine Fundgrube für die Bewältigung aller Probleme des Erwachsen-Werdens.

A.Z.: Was bedeutet für Sie das Zeichnen? Zeichnen Sie heute noch?

F.K.: Neben meiner Familie war das Zeichnen für mich immer der Inhalt meines Lebens. Leider kann ich auf Grund meines hohen Alters schon seit einigen Jahren nicht mehr zeichnen.

A.Z.: Wenn Sie noch zeichnen könnten – gibt es ein Werk, das Sie besonders reizen würde?

F.K.: Nein, ich habe am liebsten immer Märchenbilder gezeichnet.

Liebe Frau Kuhn, ich danke Ihnen herzlich für das Interview, mit dem Sie uns einen seltenen Einblick in Ihr Leben und Ihre künstlerische Laufbahn gegeben haben.

 


[1] Felicitas Kuhn. In: Lexikon der österreichischen Kinder- und Jugendliteratur. 2. Band Illustratoren. 2. Auflage. Hrsg. von Internationales Institut für Jugendliteratur und Leseforschung. Redaktion: Ernst Fak und Karin Sollat. Wien: Buchkultur, 1995. S. 48-49.

Erstveröffentlichung: 24.10.2017


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