von Anna Zamolska

Eine kurze fiktive Erzählung, in deren Welt das Wunderbare als natürlich erachtet wird und die beispielhaft anhand eines Helden und seiner Nebenfiguren ein Problem und häufig die Lösung desselben vorführt.

Explikat

Der Begriff "Märchen" leitet sich etymologisch folgendermaßen ab: "Die deutschen Wörter "Märchen", "Märlein" (mhd. maerlîn) sind Verkleinerungsformen zu "Mär" (ahd. mârî; mhd. maere f. und n., Kunde, Bericht, Erzählung, Gerücht), bezeichneten also ursprünglich eine kurze Erzählung." (Lüthi 2004, S. 1) In der Märchenforschung wird das 'Märchen' heute strikt von seinen benachbarten Genres, Sage, Legende, Mythos, Fabel und Schwank, getrennt.

Anfänge einer Definition der Gattung finden sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Brüder Grimm anfingen, Märchen zu sammeln und ihre Gattungsmerkmale herauszuarbeiten. Durch Achim von Arnim und Clemens Brentano dazu angeregt, stellten die Brüder Grimm verschiedene Märchenausgaben zusammen. Erst die Kleine Ausgabe von 1825 mit 50 Märchen verzeichnete großen Erfolg und wurde bis 1858 zehnmal neu aufgelegt. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gelten bis heute als Modell und zentraler Bezugspunkt der Märchenforschung. (vgl. Bluhm 1990, S. 473)

Volksmärchen und Kunstmärchen

Bei dem Begriff "Märchen" ist zu allererst zwischen "Volksmärchen" und "Kunstmärchen" zu differenzieren. Die Untergattungen werden anhand unterschiedlicher textinterner Merkmale von einander unterschieden, nicht allein – wie in der älteren Forschung gängig – anhand der Tatsache, ob der Text einen namentlich bekannten Autoren hat oder nicht (vgl. Neuhaus 2005, S. 5). Volksmärchen haben ebenso wie Kunstmärchen immer einen Autor, obwohl sich dieser nicht mehr feststellen lässt und das Märchen durch die mündliche Tradierung (die in der Forschung durchaus nicht geleugnet wird) Änderungen unterliegt. Somit handelt es sich beim Volksmärchen um ein autor-anonymes Werk. Seine Gattungsmerkmale sind die Ort- und Zeitlosigkeit des Geschehens, die fehlende Psychologisierung der Figuren, einfache Gegensatzpaare wie Gut und Böse, ein formelhafter Anfang und Schluss (vgl. Neuhaus 2005, S. 9). Es zeichnet sich durch eine "meist einsträngig geführte Handlung, eine Vorliebe für alles klar Ausgeprägte, für Extreme und Kontraste aus" (Lüthi 2004, S. 29), sodass die Handlung von einer Dialektik wie z. B. Schwierigkeiten und ihre Bewältigung, Kampf und Sieg, Aufgabe und Lösung, Erwartung und ihre Erfüllung bestimmt ist. Ausgangslage ist immer eine Notsituation (z. B. ein gebrochenes Tabu), die am Ende gelöst wird. Die Handlung vollzieht sich oft im Zweier- oder Dreier-Rhythmus (z. B. drei Prüfungen) entweder als Wiederholung oder Steigerung. Die Figuren des Volksmärchens sind der Held oder die Heldin, ferner Helferfiguren, Jenseitsfiguren, Kontrastgestalten und Antagonisten, die alle auch in Tiergestalt vorkommen können. Die Requisiten sind wunderhafte oder profane Gegenstände oder Zauberdinge. (vgl. Lüthi 2004, S. 25f.)

Kunstmärchen sind Werke eines namentlich bekannten Autoren und weisen folgende Merkmale auf: die Fixierung von Ort und Zeit, eine mehrsträngige Handlung, die Psychologisierung der Figuren, gemischte Figuren – und sie verzichten auf die volksmärchenhaften Eingangs- und Schlussformeln "Es war einmal" oder "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute". (vgl. Neuhaus 2005, S. 9)

Wichtige Erkenntnisse zum Wesen des Märchens haben unter anderen der Schweizer Forscher Max Lüthi beigetragen (mit seiner Studie Vom Wesen des Volksmärchens) und der russische Forscher Vladimir Propp, der mit seiner Morphologie des Märchens einen Typenkatalog für das Zaubermärchen entworfen hat.

Zur Problematik des Begriffs "Volksmärchen"

Problematisch ist der Begriff "Volksmärchen", weil er mit der Vorstellung verbunden wird, die die Brüder Grimm im Zusammenhang ihrer Kinder- und Hausmärchen etabliert haben: Die Märchen seien geradewegs von den einfachen Menschen abgelauscht worden, sodass sie die mündliche Erzähltradition der unteren sozialen Schichten spiegeln. Die Forschung hat dies als Mythos entlarvt und kann nachweisen, dass die Brüder Grimm die Erzählung literarisch verbessert haben. Ihre sogenannten Volksmärchen sind Collagen aus diversen literarischen Vorlagen, die vor allem aus der Bürgerschicht stammten, unter anderen von Annette von Droste-Hülshoff (vgl. Lange, Ziesenis 2011, S. 234). Neben der Begriffsverwendung "Volksmärchen", der nur unter Berücksichtigung der geschilderten Problematik verwendet werden sollte, versuchen einige Forscher den Terminus "Buchmärchen", bzw. "Gattung Grimm" zu etablieren.

Herkunft des Märchens

Die Wurzeln des Märchens lassen sich nicht eindeutig bestimmen und sind bis heute Gegenstand vieler Theorien – eine der bekanntesten sieht Indien als Ursprungsort (Theodor Benfey, 19. Jahrhundert). Der Frage nach der Herkunft der Märchen ging vor allem die sog. Finnische Schule nach, deren berühmtester Vertreter Antti Aarne den ersten Märchentypenkatalog der Wissenschaftsgeschichte entwarf (vgl. Pöge-Alder 2011, S. 90). Im Gegensatz dazu steht die anthropologische Theorie (oder Polygenese), die sich mit der Annahme behilft, dass die zahlreichen Übereinstimmungen von Themen und Motiven der Märchen in den verschiedensten Kulturen auf allgemein menschliche Probleme und Bedürfnisse zurückzuführen sind (vgl. Lüthi 2004, S. 64). Bereits die Literatur des Altertums lässt märchenhafte Motive erkennen, allen voran das Gilgamesch-Epos (18. Jh. v. Chr.) und die Metamorphosen Ovids (3.-8. Jh. n. Chr.). Zahlreiche Werke des Mittelalters, z. B. Ritterromane des späten Mittelalters, weisen ebenfalls märchenhafte Motive auf (Lüthi 2004, S. 44). Erste Märchensammlungen sind Die ergötzlichen Nächte von Giovan Francesco Straparola (16. Jh.), Das Pentameron von Giambattista Basile (17. Jh.), Tausendundeine Nacht (18. Jh.) und in Deutschland Volksmärchen der Deutschen von Johann Karl August Musäus (18. Jh.) (Lüthi 2004, S.35f).

Bedeutung in der Kinder- und Jugendliteratur

Märchen erscheinen uns heute ganz natürlich zur Kinderliteratur gehörend – dies ist jedoch das Ergebnis einer Entwicklung von der höfischen Unterhaltungsliteratur für Erwachsene hin zur Kinderlektüre. Obwohl Märchen schon immer neben Erwachsenen auch von Kindern rezipiert wurden, gab es keine kindgerechte Darstellung der Märchenstoffe. Eine Bearbeitung von Märchen für Kinder findet sich erst ansatzweise bei Charles Perrault, der gegen Ende des 17. Jhd. französische Feenmärchen schrieb; und selbst hier findet sich eine ironische Distanziertheit (vgl. Liptay 2004, S. 11). Auch die Brüder Grimm hatten anfangs nicht an Kinder als Rezipienten gedacht, als sie ihre erste Märchensammlung veröffentlichten, die Jacob Grimm als wichtig für "Poesie, Mythologie und Geschichte" empfand (vgl. Lüthi 2004, S. 54). "Von der zweiten Auflage an wurde es [die Märchensammlung] von Wilhelm bewußt als Kinderbuch gestaltet" (Lüthi 2004, S. 55). Damit haben die Brüder Grimm in ihren Kinder- und Hausmärchen alles nicht Kindgerechte geglättet und gestrichen und die Märchen mit einem Werte- und Tugendkatalog versehen (vgl. Bluhm 1990, S. 473). Ob Märchen für Kinder bestimmt sind, wäre gemäß dieser Erkenntnis also eine Frage der Bearbeitung und nicht der Gattung oder des Stoffes (vgl. Liptay 2004, S. 12f.).

Über die Rolle des Märchens für Kinder hat sich Charlotte Bühler 1918 in Das Märchen und die Phantasie des Kindes Gedanken gemacht, wo sie sich für das Märchen als kindgemäßes Genre ausspricht und es als geeignete Lektüre für Kinder im Alter von 6–12 Jahren sieht (vgl. Kümmerling-Meibauer 2012, S. 55). Die Kinderpsychologie geht davon aus, dass durch Märchen die kindliche Phantasie angeregt und der Gerechtigkeitssinn erlernt wird sowie Entwicklungsschwierigkeiten bewältigt werden können, sodass die Kinder auf das Grausame im Leben vorbereitet werden – dass sie also allgemein als Erziehungshilfe dienen können (vgl. Lüthi 2004, S. 105f.).

Auch Bruno Bettelheim erachtete das "Volksmärchen" als wertvoll für die Erziehung des Kindes und setzte sich damit in seinem noch heute viel beachteten Werk Kinder brauchen Märchen psychoanalytisch auseinander. Darin misst er dem Märchen die Aufgabe zu, Kindern eine Hilfe bei ihrer eigenen (wenn auch unbewusst verlaufenden) Suche nach Lebenssinn zu sein.
Weitere Beiträge zu dieser psychoanalytischen Perspektive stammen u. a. von Eugen Drewermann, der sich ausdrücklich von der literarhistorischen Perspektive distanziert und versucht, an verschiedenen Märchen beispielhaft ihre zeitlos gültigen Wahrheiten darzulegen: "Prinzipiell ist jedes Märchen und jeder Traum, so neu er auch sein mag, so alt wie die Menschheit, und eben die zeitlose Gültigkeit der Märchen und Mythen versetzt sie in den Stand, zeitlos gültige Wahrheiten zu formulieren, die den Einsichten des Verstandes unendlich überlegen sind." (Drewermann 2004, S. 9)

Heute gibt es auch spezifische (also eigens vom Autor für Kinder geschaffene) Märchen, die damit zu den Kunstmärchen zählen, z. B. Lewis Carrolls Alice im Wunderland (1865), Edith Nesbits Drachen, Katzen, Königskinder (1976), Antoine Saint-Exupérys Der kleine Prinz (1943), die Märchen von Astrid Lindgren u.a. Nils Karlsson-Däumling (1956) und Klingt meine Linde (1959), Otfried Preußlers Die kleine Hexe (1957) und Die Abenteuer des starken Wanja (1968), Michael Endes Märchen-Roman Momo (1973), Paul Maars In einem tiefen, dunklen Wald (1999), Joanne K. Rowlings Die Märchen von Beedle dem Barden (2008).


Literatur

  • Aarne, Antti: Vergleichende Märchenforschung. Helsingfors: Dr. der Finnischen Literaturgeschichte, 1908.
  • Arend, Helga und André Barz: Märchen – Kunst oder Pädagogik. Baltmannweiler: Schneider Hohengehren, 2009.
  • Beisbart,Ortwin und Bärbel Kerkhoff-Hader: Märchen. Geschichte – Psychologie – Medien. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2008.
  • Benfey, Theodor: Geschichte der Sprachwissenschaft und der orientalischen Philologie in Deutschland. New York: Johnson, 1965.
  • Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. 6. Auflage. München: dtv, 1983.
  • Bluhm, Lothar: Märchen. In: Metzlers Literaturlexikon. Hrsg. von Günther und Irmgard Schweikle. 2. überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzlersche Verlangsbuchhandlung, 1990. S. 472-474.
  • Drewermann, Eugen: Schneeweisschen und Rosenrot. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. Zürich: Walter Verlag, 2004.
  • Fürst, Iris, Elke Helbig und Vera Schmitt: Kinder- und Jugendliteratur. Troisdorf: Bildungsverlag Eins, 2008.
  • Solms, Wilhelm: Die Moral von Grimms Märchen. Darmstadt: WBG, 1999.
  • Klotz, Volker: Das Europäische Kunstmärchen. München: Fink, 2002.
  • Kümmerling-Meibauer, Bettina: Kinder- und Jugendliteratur. Eine Einführung. Darmstadt: WBG, 2012.
  • Lange, Günter und Werner Ziesenis: Märchen. In: Kinder- und Jugendliteratur der Gegenwart. Ein Handbuch. Hrsg. von Günter Lange. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2011. S. 231-251.
  • Liptay, Fabienne: Wunderwelten. Märchen im Film. Remscheid: Gardez, 2004
  • Lüthi, Max: Märchen. Stuttgart: Metzler, 2004.
  • Lüthi, Max: Es war einmal. Vom Wesen des Volksmärchens. Göttingen: Vandenhoeck, 2008.
  • Lüthi, Max: Das europäische Volksmärchen. Form und Wesen. 11. erweiterte Auflage. Tübingen: Francke, 2005.
  • Maar, Michael: Hexengewisper: Warum Märchen unsterblich sind. Berlin: Berenberg, 2012.
  • Neuhaus, Stefan: Märchen. Tübingen: Francke, 2005.
  • Pöge-Alder, Kathrin: Märchenforschung. Theorien, Methoden, Interpretationen. Tübingen: Narr, 2011.
  • Röhrich, Lutz: Märchen und Wirklichkeit. 5. Auflage. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, 2001.
  • Wege der Märchenforschung. Hrsg. von Felix Karlinger. Darmstadt: WGB, 1973.

Erstveröffentlichung: 01.05.2012


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