von Anna Zamolska

Astrid Lindgren (1907-2002) war eine schwedische Schriftstellerin, Übersetzerin, Theater-, Hörspiel- und Drehbuchautorin, die heute zu den erfolgreichsten und bekanntesten Kinderbuchautorinnen der Welt zählt.

Biographie

"[…] Astrid Lindgren war mit ihren Büchern, Hörspielen, Filmen und anderen medialen Adaptionen ihres Werkes, durch ihren Einsatz für gewaltfreie Erziehung und Kinderrechte sowie durch ihre Kritik an der schwedischen Steuergesetzgebung und der Massentierhaltung schon zu Lebzeiten zu einem Mythos geworden." (Dankert 2013, S. 7)

Astrid Anna Emilia Ericsson wurde am 14. November 1907 auf dem Hof Näs bei der kleinen Stadt Vimmerby im schwedischen Småland geboren, als zweites Kind von Samuel August Ericsson und Hanna Ericsson. Sie hatte drei Geschwister: den älteren Bruder Gunnar und die jüngeren Schwestern Stina und Ingegerd. In Näs und seiner Umgebung verlebte Astrid eine behütete und sehr glückliche Kindheit, die später zum Ausgangspunkt der Kinderparadiese wurde, die sie in ihrem literarischen Werk erschaffen hat: Bullerbü, Katthult, Krachmacherstraße, Kleinköping und Birkenlund. (vgl. Dankert 2013, S. 233)

Astrid Lindgrens Geburtshaus in Näs (Foto: Anna Zamolska)

Ihre Kindheit und eine kurze Familienchronik hat Astrid Lindgren in der autobiographischen Geschichtensammlung Das entschwundene Land dargestellt. Die Erzählung Samuel August von Sevedtorp und Hanna in Hult (1972 zunächst in einer Zeitschrift abgedruckt, dann im Entschwundenen Land) zeichnet die Verlobungsgeschichte ihrer Eltern nach und wurde 1999 in Schweden zur Liebesgeschichte des Jahrhunderts gewählt. (vgl. Forsell, Erséus, Strömstedt 2007, S. 11)

In Lindgrens Leben spielten Bücher eine zentrale Rolle, seit ihre ältere Freundin Edit der fünfjährigen Astrid ein Märchen vorgelesen hatte (das volkstümliche Kunstmärchen vom "Riesen Bam Bam und der Fee Viribunda" von Anna Maria Roos). Mit ihren Geschwistern spielte sie auch die Bücher nach, die sie aus der Schulbibliothek gelesen und die großen Eindruck auf sie gemacht hatten – zu Lindgrens Kindheitslektüren gehörten unter anderen L.M. Montgomerys Anne auf Green Gables, Eleanor H. Porters Pollyanna, F.H. Burnetts Die kleine Prinzessin, Ethel Turners Villa Schlendrian oder sieben kleine Australier, Robert Stevensons Die Schatzinsel, Rudyard Kiplings Das Dschungelbuch, Mark Twains Tom Sawyer und Huckleberry Finn und viele weitere Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur (vgl. Lindgren 1994, S. 70f). Sie las aber auch Abenteuer- und Liebesgeschichten, Jungen- und Mädchenbücher, Klassiker der Weltliteratur wie Robinson Crusoe und Die drei Musketiere und auch sonst alles, was sie in der Schulbibliothek finden konnte (vgl. Schönfeldt 2007, S. 38).

Bereits in der Schule fielen Astrids Aufsätze auf – sie wurden laut vorgelesen und ein Aufsatz mit dem Titel "Das Leben auf unserem Hofe" wurde in der Lokalzeitung Vimmerby Tidning abgedruckt. Seitdem wurde sie die "Selma Lagerlöf von Vimmerby" genannt.

1923 schloss sie die Realschule mit einem sehr guten Zeugnis ab – die besten Leistungen erbrachte sie in Schwedisch. Nach dem Schulabschluss trat sie ein Volontariat bei der Vimmerby Tidning an. Hier schrieb sie kleine Reportagen über Festlichkeiten und las Korrektur. In dieser Zeit wurde sie schwanger und ging nach Stockholm, da sie den Vater des Kindes (den Chefredakteur der Vimmerby Tidning) nicht heiraten wollte. Sie besuchte eine Sekretärinnenschule und lernte Stenographie und Maschineschreiben. Ihren Sohn Lars gebar sie in Kopenhagen (1926) und gab ihn dort zunächst in eine Pflegefamilie, da sie nicht genug verdiente. So oft es ihr möglich war, besuchte sie ihren Sohn Lars in Kopenhagen.

Quelle: Gemeinfrei (Fotograf unbekannt)

1928 fand Lindgren eine Anstellung als Sekretärin beim Königlichen Automobilclub (dort schrieb sie auch an den Tourenbüchern des Clubs mit) und lernte dort Sture Lindgren kennen. Als Lars' Pflegemutter krank wurde, brachte Astrid Lindgren ihn nach Näs zu ihren Eltern, wo er ein Jahr lang wohnte. 1931 heirateten Astrid und Sture Lindgren, bezogen eine Wohnung in der Vulcanusgatan und holten Lars zu sich.

Auf die Empfehlung ihres Bruders Gunnar bei einem Redakteur schrieb Astrid Lindgren ab 1933 Geschichten für eine landwirtschaftliche Zeitung, Weihnachtsgeschichten für die Stockholms Tidningen und Märchen für Zeitschriftenbeilagen diverser Zeitschriften. Durch ausgiebige Lektüre bildete sie sich weiter und vergrößerte ihren literarischen Kosmos, der sich später in ihrem Schaffen niederschlagen würde. 1934 wurde Astrids zweites Kind geboren, ihre Tochter Karin.

Ab 1939 arbeitete Astrid als Stenotypistin für Harry Söderman, einen Dozenten der Kriminologie, und ab 1940 (durch Vermittlung von Söderman) in geheimer Anstellung bei der Abteilung Briefzensur des Nachrichtendienstes. Erschüttert durch die Beschreibungen in den Briefen begann Lindgren, ein Kriegstagebuch zu führen und Gedanken zum Kriegsgeschehen zu notieren.

1941 zog Familie Lindgren in eine größere Wohnung in der Dalagatan ein, die einen Ausblick auf den Vasapark bietet. Der Vasapark spielte für Lindgren eine große Rolle und wurde Schauplatz vieler ihrer Geschichten, beispielsweise in der Erzählung Peter und Petra und in dem phantastischen Roman Mio, mein Mio. In der Dalagatan wohnte Astrid Lindgren bis zu ihrem Tod. Im selben Jahr wurde "Pippi Langstrumpf" von Astrids Tochter Karin erfunden, die mit einer Lungenentzündung im Bett lag und plötzlich um eine Geschichte über "Pippi Långstrump" bat.

Im März 1944 verstauchte Astrid Lindgren sich den Fuß und schrieb die Geschichten zu Pippi Langstrumpf nieder, die sie ihrer Tochter und deren Freunden seit 1941 erzählt hatte. Sie schenkte das Manuskript ihrer Tochter zum Geburtstag und schickte es ebenfalls  an den Bonniers Verlag, der "Pippi" jedoch ablehnte. (Dieses Original-Manuskript erschien 2007 unter dem Titel Die Ur-Pippi.) Ein Jahr später reichte Lindgren ein weiteres Manuskript mit dem Titel Britt-Mari erleichtert ihr Herz bei einem Preisausschreiben für das beste Jugendbuch des Verlags Rabén & Sjögren ein, das den zweiten Preis gewann. Als der Verlag 1945 ein Preisausschreiben für das beste Kinderbuch veranstaltete, überarbeitete Astrid ihr Pippi-Manuskript und gewann damit den ersten Preis. Kurz darauf wurde Pippi Langstrumpf von Rabén & Sjögren publiziert – dem Verlag, bei dem bis heute fast alle Texte von und über Lindgren in Schweden erscheinen. (Die Lindgren-Erbengemeinschaft Saltkråkan gibt ebenfalls einzelne Bücher zu Astrid Lindgren heraus.)

Im selben Jahr erschien ein weiteres Buch: Lindgrens zweites Mädchenbuch Kerstin und ich handelt von Zwillingsschwestern, die mit ihren Eltern von der Stadt aufs Land ziehen und damit ein neues Leben beginnen. Kurz darauf folgte der erste Band zu Meisterdetektiv Blomquist (1946), der bereits ein Jahr später unter der Regie von Rolf Husberg filmisch adaptiert wurde, und die beiden Pippi-Folgebände Pippi Langstrumpf geht an Bord (1946) und Pippi in Taka-Tuka-Land (1948).

Ab 1946 wurde Astrid Lindgren Lektorin beim Verlag Rabén & Sjögren  und 1947 übernahm sie die Leitung der Kinderbuchabteilung, bei der sie auch als Übersetzerin englischer Kinderbücher tätig war. Diese Halbtagsstelle hatte sie bis 1970 inne, die ihr Reisen zu Kongressen, Buchmessen und Preisverleihungen ermöglichte, bei denen sie Kontakte knüpfen konnte. Bei dem Kongress des IBBY (International Board on Books for Young People) 1954 in Zürich lernte sie Erich Kästner und Pamela L. Travers kennen (vgl. Dankert 2013, S. 150).

Im selben Jahr erschien Wir Kinder aus Bullerbü – das Manuskript hatte Lindgren bereits zusammen mit Pippi eingeschickt. Ebenso wie Pippi verzeichneten die Bullerbü-Geschichten einen großen Erfolg und brachten Lindgren Briefe ein, die alle dieselbe Frage beinhalteten: Wo liegt Bullerbü? (vgl. Schönfeldt 2007, S. 96) Die zwei Folge-Bände erschienen 1949 (Mehr von uns Kindern aus Bullerbü) und 1956 (Immer lustig in Bullerbü).

Sevedtorp - der Geburtstort von Astrid Lindgrens Vater und Drehort der Bullerbü-Filme (Foto: Anna Zamolska)

Im Auftrag der Zeitschrift Damernas Värld trat Lindgren 1948 eine Reise nach Amerika an und schrieb über den dortigen Rassismus und ihre Amerika-Erfahrungen. Diese Artikel setzte sie später zusammen und gab sie in Romanform unter dem Titel Kati in Amerika (1950) heraus. Die Eindrücke ihrer Reisen mit ihrem Mann nach Italien und Frankreich verarbeitete Lindgren in Kati in Italien (1952) und Kati in Paris (1953), in denen sie Züge des Mädchenromans und des Reiseberichts vermischt.

1949 veröffentlichte Astrid Lindgren ihre erste Märchensammlung Nils Karlsson-Däumling, für die sie 1950 mit der Nils-Holgersson-Plakette geehrt wurde (vgl. Bialek, Weyershausen 2004, S.327). 1955-1968 erschien die Karlsson vom Dach-Trilogie, womit Lindgren das Gebiet der phantastischen Literatur betrat, das sie außerdem mit Mio, mein Mio (1954), den Brüdern Löwenherz (1973) und Ronja Räubertochter (1982) bereichern sollte. 1958 erhielt Lindgren die Hans-Christian-Andersen-Medaille des IBBY für Rasmus und der Landstreicher und das Gesamtwerk. Im selben Jahr kamen die Kinder aus der Krachmacherstraße heraus, die in Deutschland sogar früher erschienen als in Schweden (dt. 1957, schwed. 1958). 1956 erhielt Lindgren für Mio, mein Mio den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Unzählige Preise folgten, beinahe jedes Buch Astrid Lindgrens gewann mehrere Auszeichnungen, Lindgren erhielt immer mehr Leserbriefe. Ruhe fand sie auf Furusund, einer der Schäreninseln vor Stockholm. Dort hatten ihre Schwiegereltern ein ehemaliges Lotsenhaus gekauft, dort verbrachte Familie Lindgren ihre Sommerferien. Die sommerlichen Erlebnisse waren der Ausgangspunkt zu Lindgrens Saltkråkan-Geschichten, die zunächst als Serie (1962) gedreht wurden und später von Lindgren zum Ferienbuch Ferien auf Saltkrakan (1964) umgeschrieben wurden.

Nach dem frühen Tod 1952 ihres Mannes Sture Lindgren und nachdem ihre Kinder eigene Familien gegründet hatten, lebte Astrid Lindgren seit 1958 allein.

1957 begann Lindgrens Zusammenarbeit mit dem Regisseur Olle Hellbom, der 20 Filmadaptionen ihrer Werke schuf (Dankert 2013, S. 166) – sie schrieb die Drehbücher und Liedertexte zu den Filmen und besuchte die Schauspieler am Set. Diese Zusammenarbeit währte bis zu Hellboms Tod 1982 während der Dreharbeiten zu RONJA RÄUBERTOCHTER, dessen Regie Tage Danielsson übernahm, der in dem letzten der Saltkråkan-Spielfilme den Schmuggler Knurrhahn verkörpert hatte.

In den Jahren 1955-1968 entstand die phantastische Karlsson vom Dach-Trilogie, dazwischen die Rasmus-Romane Rasmus und der Landstreicher (1956) und Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker (1957) – zwei unabhängige Geschichten, in denen die Hauptfigur zufällig beide Male den Namen Rasmus trägt. 1960 erschien Madita, zu der Lindgren erst 16 Jahre später die Fortsetzung Madita und Pims schrieb.

Ab 1963 schrieb Lindgren die Michel-Geschichten (im schwedischen Original heißt der Junge vom Katthult-Hof "Emil"): Michel in der Suppenschüssel (1963), Michel muß mehr Männchen machen (1966) und Michel bringt die Welt in Ordnung (1970).

Lindgrens letzte große phantastische Kinderromane Die Brüder Löwenherz (1973) und Ronja Räubertochter (1981) wurden wie Pippi Langstrumpf zu Welterfolgen – ebenso wie Pippi riefen die Brüder Löwenherz eine große Kritik-Welle hervor. Mehr zu den Debatten um diese beiden Bücher ist in dem Abschnitt "Populärrezeption" nachzulesen.

Lindgren war jedoch nicht nur als Autorin bekannt, sondern meldete sich in den Bereichen Kinderrechte, Kindererziehung, Tierschutz und Steuergesetze zu Wort und "[…] setzte sich zeitlebens für den Erhalt und die Schaffung von Kinderbibliotheken ein, trat Stiftungen bei und spendete für wohltätige Projekte." (Dankert 2013, S. 245) 1980 übernahm sie den Vorsitz der literarischen Gesellschaft Samfundet de Nio (die "Gesellschaft der Neun" dient der Förderung der schwedischen Literatur durch Preise und Stipendien), in die sie bereits 1963 berufen wurde (als Nummer 8). 1994 erhielt Astrid Lindgren den Alternativen Nobelpreis für ihren Einsatz für Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und das Verständnis von Minderheiten (vgl. Dankert 2013, S. 246).

1989 wurde der Freizeit- und Erlebnispark "Astrid Lindgrens Welt" in Vimmerby von Astrid Lindgren eingeweiht – der Park wurde drei Jahre später um die naturgetreue Nachbildung des Vimmerby-Stadtkerns von 1927 erweitert. (vgl. Dankert 2013, S. 221, 241) Der Park entstand nach einer Idee von Vimmerby-Bewohnern, die den Katthulthof in Miniatur nachbauen wollten. Astrid Lindgren war damit einverstanden, und so entstanden schließlich weitere Schauplätze aus ihren Büchern, alle in Spielhäuschen-Format. Die Krachmacherstraße bildete die Ausnahme: sie wurde eigens für die Dreharbeiten der LOTTA-Filme gebaut und später als Verkaufsmeile in den Freizeitpark integriert, der sich gegenüber von Lindgrens Geburtsort Näs befindet (vgl. Schwieder 2006, S. 78f).

In Stockholm entstand 1996 das als Indoor-Vergnügungspark gestaltete Kinderbuchhaus "Junibacken" (dt. Birkenlund), das dem Werk Lindgrens gewidmet ist und von Marit Törnquist künstlerisch gestaltet wurde, die der bereits dritten Generation von Lindgren-Illustratoren angehört.

Seit 1981 kämpfte Astrid Lindgren gegen gesundheitliche Probleme: ernsthafte Sehschwierigkeiten traten ein, 1998 erlitt sie einen Schlaganfall und verlor einen Teil ihres Gedächtnisses. Sie wurde in ihrer Wohnung von Krankenschwestern betreut. Als sie sich Anfang Januar 2002 eine Virusinfektion zuzog, konnte der Körper der 94-jährigen nicht mehr gegen die neue Krankheit kämpfen. (vgl. Dankert 2013, S. 254) Astrid Lindgren starb am 28. Januar 2002 in ihrer Wohnung in Anwesenheit ihrer Tochter, Schwester, ihrer Enkel und ihrer langjährigen Freundinnen Kerstin Kvint und Ali Viridén.

Lindgren wurde auf dem Friedhof in Vimmerby ihrem Wunsch gemäß neben ihren Eltern bestattet. Auf ihrem Grab liegt ein einfacher Granitstein aus Småland mit der Inschrift "Astrid Lindgren 1907-2002. Näs". Das Kulturzentrum Näs neben dem Geburtshaus Lindgrens, das von Astrid Lindgren gekauft und wieder so eingerichtet wurde, wie es in ihren Kindertagen ausgesehen hat, wird von der Lindgren-Erbengemeinschaft Saltkråkan geführt.

Werk

"[S]obald Astrid Lindgren ihr Augenmerk auf Kinder lenkt, wird sie traumwandlerisch sicher und quasi unfehlbar." (Dankert 2013, S. 164)

Astrid Lindgrens Bücher haben die Kinderliteratur revolutioniert, allen voran Pippi Langstrumpf mit ihrem "entfesseltem Kindsein" (Wild 2008, S. 329) und ihrer Nähe zur Nonsens-Literatur, die bei ihrem Erscheinen auf die Kritik bei Pädagogen und Literaturkritikern stieß, sie sei ein schlechtes Vorbild für Kinder. Heute wird das "Kinderbuch des Jahrhunderts" (Dankert 2013, S. 103) längst als Meilenstein in der Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur (Dankert 2013, S. 122) und Wendepunkt der westdeutschen Kinder- und Jugendliteratur gesehen, das außerdem erheblichen "Einfluss auf die Konzeption eines neuen Kindheitsbildes und Erziehungsideals nahm" (vgl. Kümmerling-Meibauer 2012, S. 67). Pippi Långstrump wurde in circa 80 Sprachen und Dialekte übersetzt. (vgl. Kümmerling-Meibauer u. Surmatz 2011, S. 1) Lindgrens weitere erfolgreiche Bücher wurden in 30 bis 64 Sprachen übersetzt (Dankert 2013, S. 270).

Astrid Lindgrens Erfolg begann jedoch nicht schlagartig mit Pippi Langstrumpf, Lindgren hatte bereits vorher jahrelang Märchen und Geschichten für verschiedene Zeitschriften geschrieben und verschiedene Schreibstile erprobt. Damit fiel "Astrid Lindgren […] der Erfolg nicht in den Schoß, sondern ihre Kinderliteratur neuen Typs ist das Ergebnis von jahrelangen literarischen Versuchen." (Dankert 2013, S. 8) Die zahlreichen literarischen Anspielungen in ihren Werken verweisen außerdem auf einen großen literarischen Fundus, den sich Lindgren angeeignet hatte und dessen sie sich bediente. Beispielsweise ist "Ronja Räubertochter" ein Waldmärchen, das "in parodistischem Rückgriff auf klassische Räuberromane […] des 18. und 19. Jahrhunderts" viele weitere literarische Vorbilder neu aufarbeitet: "die Mythen von Tristan und Isolde in der Liebesgrotte, das Romeo-und-Julia-Motiv der liebenden Kinder verfeindeter Familien, Romane und Märchen über die Ablösung der Kinder von ihren Eltern." (Dankert 2013, S. 223)

Viele literarische Figuren aus Lindgrens Schaffen haben ihre Vorbilder aus Lindgrens Verwandten- und Bekanntenkreis: "Madita" ist Astrids Schulfreundin Anne-Marie Ingeström nachempfunden, "Michel" Astrids Vater, "Lasse" aus Bullerbü Astrids Bruder Gunnar, "Pippi" einer Schulkameradin von Karin (Sonja Sandin), "Alfred", "Karlsson" und viele andere Gestalten hatten ihre Vorbilder in Lindgrens Kindheit oder waren jemand nachempfunden, den sie auf der Straße gesehen hatte. (vgl. Dankert 2013, S. 115, 181; vgl. Bialek, Weyershausen 2004, S.308;)

Viele ihrer Bücher sind von grotesk-heiterer Natur, die manchmal an die Burleske grenzt, und einem typischen Lindgren-Humor. Aus ihrer glücklichen Kindheit schöpfte Astrid Lindgren ihre Einfälle zu ihren Erzählungen. Außerdem erinnerte sie sich an die vielen Geschichten, die sie in ihrer Kindheit gehört hatte – die meisten von ihrem Vater, der ein sehr guter Erzähler war. Auf seinen Erzählungen basieren die Michel-Geschichten.

Astrid Lindgren lässt jedoch nicht nur ihre Kindheitserinnerungen in unzähligen Varianten zu Geschichten werden, sie lässt ebenso ihre Jugenderinnerungen in den Mädchenbüchern aufleben: In den Kati-Büchern hat sie ihre Reiseerlebnisse verarbeitet, spielt aber auch mit Stereotypen: "In Kati in Amerika (1952) von Astrid Lindgren macht die 21-jährige Hauptfigur, von Beruf Sekretärin, in Begleitung ihrer Tante eine USA-Reise; sie ist neugierig, offen, selbstbewusst, kritisch, witzig und (selbst-) ironisch." (Wild 2008, S. 380) In Britt-Mari erleichtert ihr Herz und Kerstin und ich verarbeitet Lindgren ihre Jugenderlebnisse in Vimmerby.

Das Geschehen ihrer Bücher zeitlich einzuordnen, gestaltet sich schwierig, denn "Astrid Lindgren schuf sogenannte Chronotope, 'Zeit-Räume', in denen bestimmte Lebensformen mit einer bestimmten zeitlichen Phase der nordeuropäischen Kulturentwicklung verbunden sind, wie etwa die vorindustrielle bäuerliche Gesellschaft, die Kleinstadt im Aufbruch in die Moderne, die städtische Kleinfamilie und die ewig währenden Ferien auf einer Insel, aber auch imaginierte Phantasiewelten." (Dankert 2013, S. 10)

Ebenso wie Erich Kästner wusste auch Astrid Lindgren schon früh andere Medien zu nutzen und war offen für Adaptionen ihrer Geschichten – sie schrieb ca. 80 Drehbücher für die Filmadaptionen und wirkte auch bei den Hörspielfassungen und Theateradaptionen ihrer Bücher mit. Nach der ersten amerikanischen Filmadaption von Pippi Langstrumpf, die Lindgren sehr missfiel, behielt sie sich in Zukunft vor, die Drehbücher selbst zu schreiben und arbeitete sogar noch an den Dialogen zu den 26 Folgen der Zeichentrickserie "Pippi Langstrumpf" von Clive Smith mit, die 1997 uraufgeführt wurde. Auch diese letzte Adaption von Pippi enttäuschte Lindgren (vgl. Dankert 2013, S. 246).

Fast vergessen oder wenig beachtet ist die Fotobilderbücher-Reihe Kinder dieser Welt (1952) mit Fotos von Anna Riwkin-Brick. Astrid Lindgren reiste mit der Fotografin in viele der Länder, die vorgestellt wurden – Japan, Tansania, Jugoslawien, Holland, Norwegen, Thailand, Finnland, Dalarne – und schrieb die Texte zu den Photographien, die Kindern veranschaulichen sollten, wie der Alltag von Kindern in anderen Kontinenten aussah.

Mit der Trilogie über den Meisterdetektiv Kalle Blomquist schuf Lindgren Kriminal- und Detektivromane für Kinder und wird neben Erich Kästner mit seinen Emil und die Detektive-Büchern als Pionierin dieser Gattung gesehen. Sie verharrte jedoch nie lange bei einer Gattung, sondern eroberte stets neue Bereiche, zu denen Kunstmärchen (Im Wald sind keine Räuber, Sammelaugust), phantastische Romane (Pippi Langstrumpf, Karlsson vom Dach, Mio, mein Mio, Die Brüder Löwenherz, Ronja Räubertochter), Mädchen- (Britt-Mari, Kerstin und ich) und Abenteuerbücher (Rasmus-Romane), Reiseliteratur (Kati-Romane) und realistische Kinderromane (Bullerbü-Trilogie, Die Kinder aus der Krachmacherstraße, Michel-Trilogie, Ferien auf Saltkrakan, Madita) zählen.

Neben dem Motiv des Spielens ist das zu tröstende und/oder elternlose Kind ein zentrales Motiv vieler phantastischer Geschichten und Märchen Lindgrens, in denen die imaginierte Welt mit ihren Abenteuern eine Trostfunktion übernimmt: die phantastische Handlung setzt immer dann ein, wenn ein Kind gerade besonders traurig und verlassen ist, wie zum Beispiel im Land der Dämmerung – hier taucht der kleine Herr Lilienstengel zum ersten Mal auf, als der Junge Göran zufällig hört, dass er nie wieder gehen wird. "Defizitäre Kindheit als Ausgangspunkt für eine phantastische Handlung, die dem körperlich oder seelisch verletzten Kind Trost spendet und die ihm zustehende Würde verleiht, verarbeitet Astrid Lindgren in "Mio, mein Mio" (schwed. 1954; dt. 1955) erstmals in Form eines Kinderromans." (Dankert 2013, S. 235)

Astrid Lindgrens erste Illustratorin war die dänische Künstlerin Ingrid Vang Nyman (1916-1959), die Pippi Langstrumpf bebilderte. (In der deutschen Ausgabe wurden die Illustrationen zunächst nicht übernommen, neue Bilder schufen Walter Scharnweber, Rolf Rettich und zuletzt Katrin Engelking. 2015 wurde die Pippi-Trilogie erstmalig mit den Originalillustrationen von Oetinger herausgegeben.) Vang Nyman schuf außerdem Bildergeschichten zu Pippi Langstrumpf, die in den späten 50er Jahren in der schwedischen Kinderzeitschrift "Klumpe-Dumpe" abgedruckt wurden. Den Text dazu verfasste Lindgren selbst. In Deutschland kamen die Bildergeschichten in 6 Bänden mit jeweils 6 Comics in den 70er Jahren heraus und wurden 2015 in einem Band neu aufgelegt unter dem Titel Pippi Langstrumpf - der Comic. Fast alle weiteren Bücher Lindgrens wurden von Ilon Wikland (*1930) bebildert – ohne die Illustrationen der estnischen Künstlerin kann man sich heute beinahe kein Lindgren-Buch vorstellen, so sehr ergänzen sich Text und Bild. Lindgrens Zusammenarbeit mit Wikland begann mit Mio, mein Mio. Hervorzuheben ist der Künstler Björn Berg (1923-2008), der zunächst nach Småland reiste, um sich die Natur und die Häuser genau anzusehen, bevor er die Michel-Bücher illustrierte. Die Illustrationen der Lindgren-Bücher spielen eine große Rolle bei ihrer Verbreitung und ihrer Bekanntheit: viele Episoden aus den Sammelbänden der Bullerbü-, Michel-, Madita- und Lotta-Bücher und einige Märchen aus den Märchensammlungen wurden einzeln als Bilderbücher herausgebracht, die zusätzlich bunte, größere und zusätzliche Bilder enthielten und einen besseren Einblick in das Können der jeweiligen Illustratoren gewähren.

Alle Werke Lindgrens sind ebenso als Hörspiele oder Hörbücher veröffentlicht worden – hier ist der Schauspieler und Hörspielsprecher Manfred Steffen besonders hervorzuheben, der sehr viele Lindgren-Bücher meisterhaft vorgelesen hat: angefangen bei den Märchen und Erzählungen bis zu Mio, mein Mio. Astrid Lindgren selbst hat auf Deutsch drei Karlsson vom Dach-Episoden eingesprochen.

Für ihr Gesamtwerk erhielt Lindgren viele Preise, unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1978), den Alternativen Nobelpreis (1994), die Hans-Christian-Andersen-Medaille, die Große Goldmedaille der Schwedischen Akademie (1971) und den Schwedischen Staatspreis für Literatur (1965).

Als Lindgrens letzte Veröffentlichung gilt die Geschichte "Weihnachten in Småland vor langer Zeit", die in der Anthologie En jul när jag var litten 1992 (dt. Weihnachten, als ich klein war, 1996) erschien. Der literarische Nachlass wird von Astrid Lindgrens Erbengemeinschaft verwaltet. 2012 gab der schwedische Salikon-Verlag (eine Tochtergesellschaft der Saltkråkan-Erbengemeinschaft) Astrid Lindgrens Briefwechsel mit Sara Schwardt heraus, die mit 12 Jahren Lindgren einen Brief schrieb und bis zu Lindgrens Tod mit ihr korrespondierte. Der Briefwechsel erschien September 2015 in Deutschland unter dem Titel Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971-2002. Mit Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft erschien 2016 ein weiterer Briefwechsel Astrid Lindgrens - mit Louise Hartung, einer Mitarbeiterin des Hauptjugendamts in Berlin, die sich besonders für die Verbreitung von Lindgrens Büchern in Deutschland einsetzte.

2015 erschienen ebenfalls im Salikon-Verlag die Kriegstagebücher Astrid Lindgrens. Lindgren hatte am 1. September 1939 angefangen, Tagebuch zu führen, und füllte bis 1945 22 Hefte. Diese lagen bislang in der Schwedischen Nationalbibliothek und waren nur auszugsweise in Strömstedts Lindgren-Biographie zitiert worden. Auf Deutsch erschienen sie ebenfalls September 2015 unter dem Titel Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945.

Populärrezeption

"Nirgendwo sonst ist die Begeisterung, der Bekanntheitsgrad ihrer Bücher in drei Generationen so groß wie in (West-)Deutschland." (Dankert 2013, S. 218)

Die Erfolgsgeschichte Astrid Lindgrens in Deutschland begann 1949, als Friedrich Oetinger nach Schweden reiste und dort – zufällig auf Pippi Långstrump aufmerksam geworden – Lindgren persönlich um die Rechte für eine deutsche Ausgabe des Kinderbuches bat. Damit kam Oetingers frisch gegründeter Verlag in Schwung und spezialisierte sich später – unter dem Einfluss Lindgrens – auf skandinavische Kinder- und Jugendliteratur. Alle Bücher Lindgrens erscheinen bis heute im Oetinger Verlag. Zur Übersetzungsgeschichte von Pippi Langstrumpf in Deutschland ist Genaueres bei Surmatz 1992 und Surmatz 2005 nachzulesen.

Astrid Lindgren ist jedoch auf der ganzen Welt erfolgreich; vor allem durch die verschiedenen medialen Adaptionen (allen voran die Filmadaptionen, von denen viele Klassikerstatus in ihrem Genre erlangt haben) ist ihr Werk präsent. Lindgrens Bekanntheitsgrad variiert jedoch in den einzelnen Ländern: während ihre Bücher in Schweden und Deutschland absoluten Klassikerstatus genießen, sind es in anderen Ländern nur vereinzelte Werke, die besonders bekannt sind, oder nur die Filmadaptionen (wie in Spanien, Portugal, Estland). In anderen Ländern wiederum sind Lindgrens Bücher sogar nahezu unbekannt, wie beispielsweise in Frankreich – dort wurde in der französischen Übersetzung von Pippi ein Drittel des Textes herausgestrichen, außerdem wurden neue Passagen eingefügt und alle Stellen "die zu provozierend oder anarchistisch wirkten, wurden zensiert. […] Die 'richtige Pippi' bekamen die französischen Kinder erst 1995 zu lesen, nachdem eine schwedische Wissenschaftlerin, Christina Heldner, einen kritischen Aufsatz über die französische Pippi-Übersetzung präsentierte." (Bialek, Weyershausen 2004, S. 364).

Andere Länder (wie die ehemaligen Ostblockstaaten) holen Versäumtes nach: In Polen waren lange nur die Kinder von Bullerbü bekannt, nach dem Umbruch 1989 wurden eilig alle fehlenden Lindgren-Bücher entweder neu herausgegeben oder erstmals übersetzt und bis heute immer wieder neu aufgelegt. Die Kinder von Bullerbü sind weiterhin das bekannteste Lindgren-Buch in Polen geblieben – sie gehören mit den Brüdern Löwenherz zum festen Lektürekanon der Grundschulen. Die Anzahl von wissenschaftlichen Publikationen in Polen ist jedoch gering: außer Strömstedts Lindgren-Biografie,  dem an Kinder gerichteten Band Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzligen Pferden und dem Bildband Astrid Lindgren-Bilder eines Lebens ist kein Sekundärwerk übersetzt oder geschrieben worden. Die Ausnahme bilden ein Kolloquium zu Astrid Lindgren: 1996 unter dem Titel "Astrid Lindgren-Barwy świata dzieciństwa" und eine Konferenz: 2007 unter dem Titel "Astrid Lindgren - 100 lat - interpretacje". Außerdem erschien 1999 eine Magisterarbeit von Paweł Kaczyński, der das Motiv des Spielens in Lindgrens Werken untersuchte ("Motyw zabawy w twórczości literackiej Astrid Lindgren") und 2012 eine Dissertation von Sylvia A. Liseling Nilsson über die polnischen Übersetzungen der Lindgren-Bücher ("Kod kulturowy a przekład: na podstawie wybranych utworów Astrid Lindgren i ich polskich przekładów - The cultural code and Translation: the case of selected works by Astrid Lindgren into Polish"). Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Lindgren findet in Polen vorwiegend in Zeitschriftenartikeln statt, die dagegen in größerer Anzahl erschienen sind. 

"Heute ist Astrid Lindgren eine unumstrittene Klassikerin der Kinderliteratur, aber in der Vergangenheit haben ihre Werke auch des Öfteren kontroverse Debatten hervorgerufen. Dies gilt insbesondere für Pippi Langstrumpf und Die Brüder Löwenherz" (Berf, Surmatz 2001, S. 11). Das von Pippi verkörperte emanzipierte Mädchen, das keine Autorität akzeptiert, nicht zur Schule geht und ohne Eltern aufwächst, "weckte literarische und pädagogische Auseinandersetzungen" (Bialek, Weyershausen 2004, S. 360), die den Bruch mit bisherigen Konventionen in der Kinderliteratur negativ und in Pippi ein schlechtes Vorbild für Kinder sahen.. Andere wiederum werteten die literarische Qualität des Buches ab und lehnten es als zu verrückt und schlecht geschrieben ab. So hieß es in einer Rezension: "Ein Büchlein für acht- bis zehnjährige Knaben und Mädchen, das sehr originell sein will und aus einer gewissen psychologischen Absicht heraus geschrieben wurde. Beides ist der Verfasserin gründlich missglückt. Mit der Originalität ist es nicht weit her, und hinter die psychologische Grundhaltung setzen wir ein großes Fragezeichen. […] Die originelle Grundidee des Büchleins ist zu originell und wirkt abstoßend. Wegen all dieser Unzulänglichkeiten lehnen wir dieses berühmte Pippi-Buch entschieden ab." (zitiert in: Bialek, Weyershausen 2004, S. 359)

Bei den Brüdern Löwenherz stellte niemand mehr die literarische Qualität des Werkes in Frage – hier sahen viele Kritiker das Ende des Romans als problematisch. Sie deuteten es als Selbstmord und warfen die Frage nach der Zumutbarkeit eines solchen Schlusses für Kinder auf. "Es gab unterschiedliche Positionen zu der Frage, wer wann in diesem Buch stirbt." (Dankert 2013, S. 201) Dies rief eine ganze Debatte in der Presse aus, die sich mit dem Thema "Tod" und "Selbstmord" in der Kinderliteratur auseinandersetzte. Schließlich sah man ein, dass man schlecht von einem Freitod sprechen konnte, wenn man als erwachsener Leser davon ausging, die Abenteuer der beiden Brüder würden sich nur in der Phantasie des jüngeren, kranken Jungen abspielen. (Kümmerling-Meibauer 2012; Pfeiffer/Sandmann/Zamolska 2012)

Die Kritik der beiden genannten Werke ist heute längst überholt, bei ihrem Erscheinen standen jedoch in beiden Fällen die Meinungen der kindlichen Leser und der Erwachsenen in krassem Gegensatz zueinander. Die Kinder liebten die freie "Pippi" und freuten sich über das glückliche Ende der Brüder Löwenherz – die Erwachsenen befürchteten, die Kinder könnten "Pippi" nachahmen und den Sprung der Brüder Löwenherz in eine bessere Welt missverstehen.

Die Begeisterung in Deutschland resultierte unter anderem in zwei Kochbüchern zu den Lindgren-Büchern (Bei Astrid Lindgren zu Tisch von Sybil Gräfin Schönfeldt; Das Astrid Lindgren Kochbuch von Mamke Schrag und Andreas Wagener) und einem Reiseführer, der 2006 unter dem Titel Wo ist Bullerbü? Auf den Spuren von Astrid Lindgren durch Schweden veröffentlicht wurde und 2015 in der bereits fünften und überarbeiteten Auflage erscheint unter dem Titel Astrid Lindgrens Schweden. Von Bullerbü zur Villa Kunterbunt. Er beschreibt sowohl Orte, die mit Astrid Lindgren zusammenhängen (ihren Geburtsort Näs, Vimmerby, Stockholm und ihre Ferieninsel Furusund), als auch die Drehorte der vielen Filmadaptionen.

Auch wenn Astrid Lindgren fast jedem ein Begriff ist, sind es oft immer dieselben Werke, die bekannt sind, "weil der Literaturbetrieb der Kinder- und Jugendliteratur das Prosastück mittlerer Länge für Kinder ins Zentrum stellt […] Auf diese Weise entstand zumindest in Schweden und den deutschsprachigen Ländern ein Lindgren-Kanon, der bestimmte Werke in den Mittelpunkt stellt, andere vernachlässigt und dem Vergessen überlässt […] Dabei ist die Anzahl von Illustratoren und Übersetzern, die sich in Schweden und international mit Astrid Lindgrens Werk beschäftigen, weit größer, als dieser Kanon vermuten ließe." (Dankert 2013, S. 271) Allein in Deutschland sind es 15 Übersetzer und 39 Illustratoren (siehe hierzu die Datenbank der HAW Hamburg http://www2.bui.haw-hamburg.de/lindgren/).

wissenschaftliche Rezeption

"Als Geheimnis Astrid Lindgrens gilt in erster Linie die schwer erklärbare Faszination, die ihre Texte auf Kinder und auf Leser jeden Alters in aller Welt ausüben, ein offensichtlich – trotz räumlicher Beschränkung der Handlungsschauplätze – global wirkender Schatz der Kinderkultur." (Dankert 2013, S. 9)

Astrid Lindgren wird zugesprochen, das Kinderbuch revolutioniert und das Märchen (genauer: das Kunstmärchen) als Gattung der Kinder- und Jugendliteratur wiederbelebt zu haben (vgl. Bialek, Weyershausen 2004, S.4). Obwohl Lindgren sich über die Ergebnisse literaturwissenschaftlicher Untersuchungen ihrer Werke lustig machte und jegliche Interpretationen ablehnte, sind ihre Bücher schon früh in den Fokus von Kritikern, Pädagogen und Literaturwissenschaftlern geraten. Heute liegt uns eine Fülle von Sekundärliteratur zu Lindgrens Schaffen vor: "Seit den späten sechziger Jahren fanden Kinder- und Jugendliteratur im Allgemeinen und das Werk Astrid Lindgrens im Besonderen Eingang in die Curricula der Lehrerausbildungen, in die literaturwissenschaftlichen Seminare einiger Universitäten und in die Studiengänge für Literatur vermittelnde Berufe wie Bibliothekare und Buchhändler. Lindgrens Bücher waren nun Anlass, Motor und Gegenstand, sich mit Kinderbüchern im Kindergarten, der Grundschule, in Pro- und Hauptseminaren, in wissenschaftlichen Untersuchungen, Projekten, Dissertationen und Habilitationen zu beschäftigen." (Dankert 2013, S. 278) Wichtige Vorreiterinnen in diesem Bereich sind Vivi Edström und Astrid Surmatz. Edström versuchte als Erste das Besondere der Lindgren-Bücher zu erfassen und untersuchte die Funktion der phantastischen Welten. Die deutsche Skandinavistin Astrid Surmatz hat sich besonders auf dem Feld der deutschen Rezeption Lindgrens verdient gemacht, indem sie Lindgrens Rolle und die "Karriere" ihrer Bücher in Deutschland vielfach analysierte. (Surmatz 2001)

Neben den literaturwissenschaftlichen Analysen der Lindgren-Bücher wecken in den letzten Jahren vermehrt andere Adaptionen das Interesse von Wissenschaftlern (beispielsweise die Filmadaptionen, die in Deutschland bereits Klassikerstatus genießen) oder Aspekte wie die Intermedialität der Lindgren-Bücher. Hierzu sind die Aufsatzsammlung Beyond Pippi Longstocking. Intermedial and International Aspects of Astrid Lindgren's Works zu nennen, die von Bettina Kümmerling-Meibauer und Astrid Surmatz 2011 herausgegeben wurde, oder Filmanalysen in dem Band Astrid Lindgrens Filme – Auralität und Filmerleben im Kinder- und Jugendfilm, der von Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim und Annika Kurwinkel 2012 herausgegeben wurde. Eine Darstellung und Analyse aller in Deutschland gesendeten und synchronisierten Lindgren-Filmadaptionen lieferte Sabine Maldacker mit ihrem Band Mattisräuber und Meisterdetektive – Astrid Lindgren auf der Leinwand, der 2005 erschien.

In die Untersuchung der Bücher Astrid Lindgrens flossen auch stets Gedanken zu ihrer Person und ihrer Biographie mit ein – so entstanden (neben Margareta Strömstedts Lindgren-Biographie) viele populärwissenschaftliche Biographien, die Lindgrens Bücher stark an ihren eigenen Lebenslauf anlehnen und viele Begebenheiten zu einem Lindgren-Kosmos stilisieren, der auch zu einem gewissen Lindgren-Bild geführt hat. Im September 2013 kam eine neue Biographie von Birgit Dankert zu Astrid Lindgren heraus unter dem Titel Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit, die einem wissenschaftlich fundierten Ansatz folgt und gängige Lindgren-Bilder hinterfragt. Einen weniger verklärten Einblick in Lindgrens Innenleben bietet auch der Briefwechsel mit Sara Schwardt. Eine weitere Biographie hat der dänische Literaturkritiker Jens Andersen geschrieben, die in Deutschland September 2015 unter dem Titel Astrid Lindgren - Ihr Leben veröffentlicht wurde.


Literatur

  • Andersen, Jens: Astrid Lindgren. Ihr Leben. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2015.
  • Astrid Lindgren. Steine auf dem Küchenbord. Gedanken. Erinnerungen. Einfälle. Hrsg. von Elisabeth Hohmeister, Margareta Strömstedt. Hamburg: Oetinger, 2000.
  • Astrid Lindgren – Werk und Wirkung. Internationale und interkulturelle Aspekte. Hrsg. von Svenja Blume, Bettina Kümmerling-Meibauer und Angelika Nix. Berlin: Peter Lang, 2008.
  • Astrid Lindgren. Lesebuch zum 100. Geburtstag. Hamburg: Oetinger, 2007.
  • Astrid Lindgren. Bilder ihres Lebens. Hrsg. von Jacob Forsell, Johan Erséus und Margareta Strömstedt. Hamburg: Oetinger, 2007.
  • Astrid Lindgren. Ansprachen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1978. Frankfurt am Main: Börsenverein des Deutschen Buchhandels E. V., 1978.
  • Astrid Lindgren. Zum Donnerdrummel! Ein Werk-Porträt. Hrsg. von Paul Berf u. Astrid Surmatz. Hamburg: Rogner & Bernhard, 2001.
  • Astrid Lindgrens Filme. Auralität und Filmerleben im Kinder- und Jugendfilm. Hrsg. von Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim, Annika Kurwinkel. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2012.
  • Astrid Lindgren. Barwy świata dzieciństwa. Materiały z sesji literackiej 7-8 listopada 1996 roku. Gdańsk: Nadbałtyckie Centrum Kultury, 1998.
  • Astrid Lindgren - 100 lat - interpretacje. Hrsg. von Hanna Dymel-Trzebiatowska u. Ewa Mrozek-Sadowska. Gdańsk: Pressfabryka, 2008.
  • Astrid Lindgren. Ein neuer Blick: Kinderkultur, Illustration, Literaturgeschichte. Hrsg. von Frauke Schade. Berlin: LIT Verlag, 2008.
  • Beyond Pippi Longstocking. Intermedial and International Aspects of Astrid Lindgren's Works. Edited by Bettina Kümmerling-Meibauer and Astrid Surmatz. Abingdon: Routlegde Chapman & Hall, 2011.
  • Bialek, Manuela u. Weyershausen, Karsten: Das Astrid Lindgren Lexikon. Alles über die beliebteste Kinderbuchautorin der Welt. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2004.
  • Björk, Christina u. Eriksson, Eva: Von Kletterbäumen, Sachensuchern und kitzligen Pferden. Astrid Lindgrens Kindheit. Hamburg: Oetinger, 2007.
  • Blume, Svenja: "Ein kleiner Übermensch in Kindergestalt" - Pippi Langstrumpf als kulturelle Identifikationsfigur. In: "Klassiker" der internationalen Jugendliteratur. Kulturelle und epochenspezifische Diskurse aus Sicht der Fachdisziplinen. Hrsg. von Anita Schilcher und Claudia Maria Pecher. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 2013. S. 121-135.
  • Danielsson, Tage: Ronja Räubertochter. Das Buch zum Film. Hamburg: Oetinger, 1985; Dankert, Birgit: Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit. Darmstadt: Lambert Schneider by WBG, 2013.
  • Edström, Vivi: Astrid Lindgren. Im Land der Märchen und Abenteuer. Hamburg: Oetinger, 1997.
  • Edström, Vivi: Astrid Lindgren und die Macht des Märchens. Hamburg: Oetinger, 2004.
  • Forsell, Jacob, Erséus, Johan u. Strömstedt, Margareta: Astrid Lindgren. Bilder ihres Lebens. Hamburg: Oetinger, 2007.
  • Fyra syskon berättar. Hrsg. von Jörgen Högberg. Angered: BOA i Näs, 1992.
  • Gottschalk, Maren: Jenseits von Bullerbü. Die Lebensgeschichte der Astrid Lindgren. Weinheim: Gulliver, 2009.
  • Hürlimann, Bettina: Europäische Kinderbücher in drei Jahrhunderten. Zweite erweiterte Auflage. Zürich: Atlantis, 1963.
  • Hurwitz, Johanna: Astrid Lindgren. Storyteller to the world. New York: Kestrel, 1989; Karlsson, Petter u. Erséus, Johan: Von Pippi, Michel, Karlsson & Co. Astrid Lindgrens Filmwelt. Hamburg: Oetinger, 2006.
  • Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur. Hrsg. von Bettina Hurrelmann. Frankfurt: Fischer, 1995.
  • Kulik, Nils: Das Gute und das Böse in der phantastischen Kinder- und Jugendliteratur. Eine Untersuchung bezogen auf Werke von Joanne K. Rowling, J.R.R. Tolkien, Michael Ende, Astrid Lindgren, Wolfgang und Heike Hohlbein, Otfried Preußler und Frederik Hetmann. Frankfurt am Main: Peter Lang, 2005.
  • Kurwinkel, Tobias und Schmerheim, Philipp: Kinder- und Jugendfilmanalyse. Konstanz: UVK-Verlagsgesellschaft, 2013.
  • Kümmerling-Meibauer, Bettina: Die Brüder Löwenherz – fantastisches Erzählen in Roman und Film. In: Astrid Lindgrens Filme. Auralität und Filmerleben im Kinder- und Jugendfilm. Hrsg. von Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim, Annika Kurwinkel. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2012. S. 53-66.
  • Kümmerling-Meibauer, Bettina: Kinder- und Jugendliteratur. Eine Einführung. Darmstadt: WBG, 2012.
  • Lindgren, Astrid u. Strömstedt, Margareta: Mein Småland. Hamburg: Oetinger, 1988.
  • Lindgren, Astrid: Astrid Lindgren and her books. Stockholm: Rabén & Sjögren, 1991.
  • Lindgren, Astrid: Das entschwundene Land. Hamburg: Oetinger, 1994.
  • Lindgren, Astrid: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Berlin: Ullstein, 2015.
  • Lindgren, Astrid und Schwardt, Sara: Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel 1971-2002. Hamburg: Oetinger, 2015.
  • Ljunggren, Kerstin: Besuch bei Astrid Lindgren. Hamburg: Oetinger, 1994.
  • Maldacker, Sabine: Mattisräuber und Meisterdetektive. Astrid Lindgren auf der Leinwand. Berlin: Mensch & Buch Verlag, 2005.
  • Metcalf, Eva-Maria: Astrid Lindgren. Schwedische Persönlichkeiten. Stockholm: Schwedisches Institut, 2001.
  • Metcalf, Eva-Maria: Astrid Lindgren. New York: Twayne, 1995.
  • Nix, Angelika: Die Kindheit als literarisches Gegenkonzept. Astrid Lindgrens phantastische Erzählungen. In: Das Kind im Leser. Phantastische Texte als all-ages-Lektüre. Hrsg. von Maren Bonacker. Trier: Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2007. S. 213-228.
  • Pfeiffer, Silke/ Sandmann, Sabrina/ Zamolska, Anna: DIE BRÜDER LÖWENHERZ. Das fantastische Land der Lagerfeuer und Märchen. In: Astrid Lindgrens Filme. Auralität und Filmerleben im Kinder- und Jugendfilm. Hrsg. von Tobias Kurwinkel, Philipp Schmerheim, Annika Kurwinkel. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2012. S. 67-81.
  • Ritte, Hans: Die Unzulänglichkeit von Kinderliteratur für Erwachsene. Astrid Lindgrens Äußerungen zur Rezeption ihrer Werke. In: Kinderliteratur - Literatur für Erwachsene? Hrsg. von Dagmar Grenz. München: Wilhelm Fink, 1990. S. 75-81.
  • Schönfeldt, Sybil: Astrid Lindgren. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, überarbeitete Neuausgabe, 2007.
  • Schwieder, Sabine u. Wolfram: Wo ist Bullerbü? Auf den Spuren von Astrid Lindgren durch Schweden. Hamburg: Oetinger, 2006.
  • Strömstedt, Margareta: Astrid Lindgren. Ein Lebensbild. Hamburg: Oetinger, 2001.
  • Surmatz, Astrid: Astrid Lindgrens 'Pippi Långstrump'. Übersetzung und Rezeption als Indikatoren einer Veränderung der schwedischen und deutschen Kinderbuchlandschaft. Abschlußarbeit zur Erlangung des Magister Artium. Göttingen: Georg-August-Universität, 1992.
  • Surmatz, Astrid: Pippi Långstrump als Paradigma. Die deutsche Rezeption Astrid Lindgrens und ihr internationaler Kontext. Tübingen: A. Francke Verlag, 2005.
  • Törnqvist, Lena: Astrid aus Vimmerby. Hamburg: Oetinger, 1999.
  • von Schönborn, Felicitas: Astrid Lindgren. Das Paradies der Kinder. Freiburg: Herder, 1995.

Internet

Weitere Beiträge über Astrid Lindgren auf KinderundJugendmedien.de:

Lexikonbeiträge

Lindgren, Astrid: Die Brüder Löwenherz

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Lindgren, Astrid: Als Michel den Kopf in die Suppenschüssel steckte

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Lindgren, Astrid: Sonnenau

Sachbuchkritiken

Dankert, Birgit: Astrid Lindgren – Eine lebenslange Kindheit

Filmkritiken

Allerliebste Schwester (Göran Carmback, 1988)

Kalle Blomquist - sein schwerster Fall (Olle Hellbom, 1957)

Mio, mein Mio (Wladimir Grammatikow, 1987)

Nils Karlsson Däumling (Staffan Götestam, 1990)

Polly hilft der Großmutter (Daniel Bergman, 1988)

Sonstiges

Pippi wird 70 - und wird doch niemals gruß 

Erstveröffentlichung: 28.02.2014, zuletzt aktualisiert: 19.02.2017


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